In einer Fabrikhalle wenige Kilometer östlich von London steht ein riesiger Computer, der darüber bestimmt, wie gefährlich der "Islamische Staat" ist. Wie viel Macht der amerikanische Präsident Barack Obama besitzt. Wie lange Venezuela noch zahlungsfähig ist. Wie wirksam das Klimaabkommen von Paris sein kann. Und wie viel Geld die deutschen Autofahrer nach dem Tanken in der Tasche haben.

Über all dies entscheidet eine einzige Zahl, die dieser Computer errechnet, an jedem Tag in jedem Jahr. Bombensichere Mauern schützen die in Glasschränken nebeneinander aufgereihten Server vor möglichen Terroranschlägen. Eigens konstruierte Eistanks springen auf, sollte die Kühlung ausfallen. Ein Notfallgenerator sichert die Stromzufuhr. Nichts darf die wertvollen Prozessoren beschädigen.

Von London aus verbreitet sich die Zahl um die Welt. In Sekundenbruchteilen schießt sie durch Glasfaserleitungen, lässt Meere und Gebirge hinter sich, erreicht die Steppe des amerikanischen Bundesstaates Texas und die Wüste Saudi-Arabiens. Im Regenwald Nigerias wird sie erwartet und in den Häfen des Irans. Die Zahl bestimmt die Gespräche in den teuren Restaurants von Luanda, der Hauptstadt Angolas. Der russische Präsident Wladimir Putin lässt sie sich jeden Tag auf einem Blatt Papier in sein Büro reichen. Und sie sorgt dafür, dass der Pächter einer Tankstelle im Osten von Hannover in diesen Wochen ziemlich gute Laune hat.

Die Zahl ist: der Ölpreis. Genauer, der Weltmarktpreis für ein Barrel Rohöl, ein Fass von 159 Litern, der Sorte Brent. Jeden Tag gehen Abertausende Kauf- und Verkaufsgebote im Rechenzentrum der weltgrößten Erdöl-Terminbörse Intercontinental Exchange im Osten von London ein. Der Computer ermittelt daraus diese Zahl. Sie ist, das wird dieser Artikel zu belegen versuchen, die wichtigste Zahl der Erde. Eine Zahl, die Diktatoren stützen und demokratisch gewählte Regierungen stürzen kann. Die die Kraft hat, die Welt neu zu ordnen.

Die Zahl sinkt, seit mehr als anderthalb Jahren. Im Juni 2014 kostete das Barrel Rohöl 115 Dollar. Im Februar 2016, bei Redaktionsschluss dieser ZEIT-Ausgabe, waren es nur noch 30,52 Dollar.

Noch vor wenigen Jahren war Benzin in Deutschland so teuer wie Bier. Jetzt ist es billiger als das Mineralwasser in Andreas Linkes Tankstellenshop.

Linke steht neben einer Zapfsäule der Shell-Tankstelle in Hannover-Groß-Buchholz. Er trägt einen gelb-roten Shell-Pullover, über ihm leuchtet die gelb-rote Shell-Muschel vor wintergrauem Hintergrund, und auf der Zapfsäule steht "Super Fuel Save 95", "V-Power Racing", "V-Power Diesel". Es klingt ein wenig, als sei dies keine Tankstelle, sondern eine Cocktailbar für Autos, in der Motoren exotische Vitamindrinks bekommen. Die Deutschen aber interessieren sich nicht so sehr für Vitamine, wenn es um ihre Autos geht. Ihr Maßstab ist etwas anderes.

"Der Preis", sagt Andreas Linke.

Vor 18 Jahren hat Linke seine erste Tankstelle gepachtet. Davor war er Filialleiter einer Supermarktkette. Jetzt, mit 45, betreibt er sieben Tankstellen und ist Experte für das Verhältnis der Deutschen zum Treibstoff.

Wenn an der Tankstelle der Benzinpreis steigt, tritt den Leuten die Wut in die Augen. Sie tanken nur noch für fünf Euro, für zehn Euro. "Abzocke!" steht dann auf den Titelseiten der Zeitungen in Linkes Tankstellenshop. "Abzocke!", zischen manche Kunden an der Kasse.

In diesen Wochen lächeln sie.

Jeden Tag stellt die Shell-Zentrale in Hamburg die Preistafel vor Linkes Tankstelle neu ein. Jetzt, da der Ölpreis sinkt, springen die Tarife nach unten, immer weiter. Die Zahl aus London drückt die Zahlen in Hannover. Benzin kostet nur noch 1,20 Euro, Diesel nur noch 95 Cent.

Für Linkes Geschäft ist das gut. Er erhält von Shell eine feste Provision pro Liter, ihm geht es nicht darum, wie viel die Kunden für das Benzin zahlen, ihm geht es darum, wie viel sie tanken. Und wie viel sie kaufen. Die Tankstelle von heute ist nicht nur eine Cocktailbar für Autos, sie ist auch ein kleines Kaufhaus für Menschen. Im Kühlregal stehen Leberwurst und Geflügelsalat, Eier und Margarine. Linke hat Rasierschaum und Pralinen im Angebot, frisch geschnittene Rosen, lila Kuschelkühe und Baseballkappen mit dem Wappen von Hannover 96. Die wenigsten Kunden, sagt Linke, kämen zur Tankstelle, um ein Stofftier zu kaufen. Sie kommen, um zu tanken. Aber wenn sie danach Geld übrig haben – "dann nehmen sie noch etwas mit", sagt Linke. Vielleicht eine Kuschelkuh für die Tochter.

Wer heute 50 Liter tankt, zahlt 10 Euro weniger als noch vor einem Jahr. 10 Euro, um noch etwas mitzunehmen.