Karen Duves neuer Roman Macht spielt im Jahr 2031 in Deutschland. Alles, was Apokalyptiker heute an die Wand malen, ist dann Wirklichkeit geworden. Alles, wovon progressive Gesellschaftsreformer träumen, allerdings auch. Konkret heißt das: Die Klimakatastrophe hat den Planeten verwüstet, der Menschheit bleiben nur noch wenige Jahre vor dem endgültigen Weltuntergang. Gleichzeitig aber herrscht Staatsfeminismus und Fahrradhelmpflicht. Olaf Scholz ist Bundeskanzler, aber ansonsten haben dank der Quote die Frauen das Sagen. Die neue Staatsform nennt sich "Kontrollierte Demokratie": Ein Komitee trifft eine Vorauswahl, wer seiner moralischen Statur nach geeignet ist, zu kandidieren.

Der Veganismus hat sich durchgesetzt, wer Fleisch essen will, muss seine wertvollen CO₂-Gutscheine dafür einlösen. Mit der Verjüngungspille "Ephebo" sehen Rentner wieder wie 30-Jährige aus, allerdings bekommt mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit Krebs in den nächsten zehn Jahren, wer die Jungbrunnen-Pille nimmt. Ist aber kein richtiger Einwand, denn in zehn Jahren wird es den Menschen ohnehin nicht mehr geben. So gesehen macht die Apokalypse auch wieder locker.

Ein bisschen bitter, dass die Frauen erst die Hosen anhaben, wenn eh nichts mehr zu retten ist. Trotzdem haben sich nicht alle Männer mit ihrer Entmachtung abgefunden. Manche grummeln leise, andere schließen sich der Maskulo-Bewegung an: "Männer, die Femi-Schlampen haben sich nicht nur eure Jobs gekrallt, sondern auch euren Stolz." Oder sie machen mit bei der Rocker-Gang Fat Rats, rechtsradikalen Antifeministen, die sich den Tierschutz auf die Fahne geschrieben haben und Flüchtlinge aus Afrika verdreschen. Verschiedene islamische Gemeinschaften sowie fundamental-evangelikale Erweckungsbewegungen dienen ebenfalls als Sammelbecken derer, die sich mit dem verordneten Staatsmoralismus nicht abfinden und zurück zu den alten Werten, zur alten Männlichkeitskultur wollen.

Protagonist von Karen Duves satirischem, dabei aber bierernstem Roman ist Sebastian Bürger. Verheiratet ist er mit der Karrierefrau Christine Semmelrogge, Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung. Lange hat er seiner Frau den Rücken freigehalten und sich von ihr die Welt erklären lassen, aber irgendwann reißt ihm die Hutschnur. Er baut den Keller seines Einfamilienhauses bei Hamburg in einen Kerker mit Stahltüre um und sperrt seine Frau darin ein.

Zu Beginn des Romans ist Christine bereits seit zwei Jahren seine Gefangene. Einmal am Tag besucht er sie zwecks Geschlechtsverkehr in ihrem Kellerverlies: "Es riecht nach Plätzchen, frisch gebackenen Plätzchen, ein Geruch, den ich sehr liebe. Christine steht in einer rosa-weiß karierten Schürze am Herd und hält mit rosa-weiß karierten Topflappen-Handschuhen das Backblech. Vor vier Monaten hatte sie eine Phase, in der sie sich fürchterlich gehen ließ, aber ich habe einiges klargestellt und jetzt sind ihre Lippen in einem zarten, zu ihrem Nagellack passenden Pastellton geschminkt und die Augenbrauen sind zu einem runden Bogen getrimmt, der ihren Augen einen fragenden und intelligenten Ausdruck verleiht."

Das alles soll von böser Ironie sein, ist aber fatalerweise völlig frei von jeder Ambivalenz. Als Christine, zur Sicherheit noch an die Wand gekettet, Sebastian vorwirft, er sei krank, entgegnet dieser: "Das, was gerade in Europa und Nordamerika passiert, diese Verweiblichung der Kulturen und dass ihr jetzt überall mitmischen dürft, ist eine kurzzeitige historische Abnormalität. Ein Ausrutscher in der Geschichte der Menschheit. Der Islam wird diese jämmerlich toleranten und entscheidungsschwachen Schwuchtel-Demokratien hinwegfegen." Ein Hauch von Michel Houellebecqs Unterwerfung weht einen da an, aber was diese Dystopie so unendlich öde und vorhersehbar macht, ist ihr völliger Mangel (anders als bei Houellebecq) an Zweideutigkeit.

Warum Macht in seinem grimmen Furor ein misslungener Roman ist, lässt sich einfach sagen: Der Protagonist und Ich-Erzähler Sebastian Bürger ist nicht nur ein armes Würstchen (seine Frau drückt ihm das, trotz Kette um den Hals, auch immer wieder mal rein), er ist vor allem ein Sadist. Also ein Fall für die geschlossene Anstalt, für die Sicherheitsverwahrung. Wenn aber die Gegenfigur zum Staatsfeminismus ein psychiatrischer Fall ist, dann gibt es keine moralischen Ambivalenzen. Dann gibt es nur gut oder böse. Beziehungsweise noch extremer: vernünftig oder krank.