In einem Roman ohne Ambivalenzen ist aber auch keine Entwicklung und keine Überraschung möglich. Wir wissen von der ersten Seite an, woran wir sind, und daran wird sich bis zur letzten Seite nichts ändern. Karen Duves Roman-Konstruktion ist festgezurrt: Kontrollierte Demokratie und Staatsfeminismus werden zwar "hinterfragt", sind aber – im Weltbild dieses Romans – die unvermeidliche Konsequenz des Fehlverhaltens der Männer in der Vergangenheit. Die hatten, weil ihnen ihr persönlicher Gewinn wichtiger war als das Überleben des Planeten, dessen Ressourcen erschöpft und den Karren so in den Dreck gefahren, dass die verordnete Demokratie jetzt eben Fahrradhelmpflicht, Fleischrestriktion und Frauenquote einführen muss. Die Botschaft des Romans lautet: Wer nicht hören will, muss fühlen. Das habt ihr, ehrgeizige Männer und Konsumidioten, nun davon, dass ihr nicht freiwillig auf die Bremse gedrückt habt, dass ihr weiter mit dem Flugzeug für ein verlängertes Wochenende nach Barcelona geflogen seid. Jetzt erreicht euch die Vernunft eben auf dem Verordnungsweg. Selber schuld – wärt ihr nur mal früher aufgeklärt, emanzipiert und vernünftig gewesen!

Wir wollen jetzt nicht politisch argumentieren, sondern ästhetisch: Vielleicht stimmt es ja, vielleicht geht die Welt in 20 Jahren unter, und schuld sind die Männer mit ihrem testosterongetriebenen Konsumverhalten. Es spricht ja tatsächlich manches dafür. Aber Karen Duve zahlt für dieses Strickmuster ihres Romans einen hohen Preis: Es kann keine klugen Gegenfiguren geben. Und weil Sebastian Bürger nicht nur armes Würstchen und Sadist ist, sondern auch noch Ich-Erzähler, muss er ständig im Modus grenzdebilen Zynismus daherreden.

Ein Beispiel unter Hunderten: Seit Sebastian nicht mehr unter der Knute seiner Frau steht, isst er wieder Fleisch. Der Fleischkonsum ist aber für die Klimakatastrophe und für die Stürme, die Hamburg gerade heimsuchen, verantwortlich. Wie rechtfertigt sich Sebastian also? Natürlich durch billigsten Zynismus: "Die frische Brise da draußen, die könnten wir jetzt auch nicht genießen, wenn wir nicht immer brav unseren Fleischteller leer gegessen hätten ..."

Die Welt, wie Karen Duve sie sieht, ist in diesem Roman so eindeutig determiniert, dass den Erfordernissen der Vernunft nur ein grenzdebiler Sadist, ein Rocker-Neonazi oder ein christlicher Fundamentalist zuwiderhandeln können. Die Religionen, egal ob christlich oder islamisch, hat die Autorin ohnehin besonders auf dem Kieker, sie bedienen für sie nur das menschliche Bedürfnis nach Unterwerfung unter ein totalitäres System. Kommt noch hinzu: Im Namen mancher Religion dürfen Tiere geschächtet werden – und der Umgang mit Tieren ist im Werk Karen Duves insgesamt der moralische Gradmesser schlechthin.

Kurzum: Die ganzen erbärmlichen Schurken in diesem Roman sind dümmer als die Polizei erlaubt. Der Roman ist deshalb derart vorhersehbar, dass man sich wundert, wie es die Verfasserin geschafft hat, über diesem Strickmuster beim Schreiben nicht augenblicklich vor Monotonie eingeschlafen zu sein. Es muss doch entnervend sein, Sprechblasen für Figuren auszufüllen, die so viel dümmer sind als man selbst.

Als Sebastians Frau, die – alle Achtung – nie lockerlässt, ihn wegen seiner Rückkehr zum Fleischkonsum zur Rede stellt, antwortet er: "Ich habe damit erst angefangen, als der Unumkehrbarkeitspunkt bereits überschritten war. Wenn ich schon zusammen mit den ganzen Idioten, die den Schlamassel angerichtet haben, untergehen muss, dann will ich wenigstens auch denselben Spaß dabei haben wie die. Dann will ich es noch schlimmer treiben als die rücksichtslosesten Schweinehunde."

Weil Karen Duve mit eiserner Hand dafür sorgt, dass es, was ihren Roman und seine Weltsicht betrifft, zu keinen Missverständnissen kommt, zieht sie ihren Antihelden manchmal auf ihre eigene Erkenntnishöhe hoch. Da kommt sie dann durch Sebastian selber zu Wort: "Alle, die noch Fleisch essen, sind ganz begeistert darüber, dass ich es jetzt auch wieder tue. Es bestätigt sie in ihrer eigenen Gier und Gemeinheit."

Unbelehrbare Konsumidioten, infantil-regredierte Schläger-Machos, politisch korrekt daherlabernde Ökofaschisten ohne eigene Urteilskraft – Karen Duve macht es einem wirklich schwer, sich bei diesem satirischen Roman gemeint zu fühlen.

Der Titel versucht die Sache auf eine abstraktere Ebene zu hieven: Macht. Aber man lernt nichts Neues über das Raffinement und die Abgründigkeit von Machtmechanismen, auch nichts über unsere eigene, uneingestandene Machtgier, wenn diese nur am Beispiel ihrer allerrohesten Elementarität durchgespielt wird: Ein Mann sperrt seine Frau in den Keller. Da wären die unsichtbaren Ketten, mit denen wir im Geschlechterkampf den anderen an uns binden, viel spannender.

Wir wollen gerecht bleiben: Der Showdown, mit dem der Roman endet, hat Actionkino-Qualitäten. Es ist aber einfach nur ein Genre-Showdown, der dem Thema keine neue Erkenntnis hinzufügt. Alle schlagen sich die Köpfe ein, es herrscht Bürgerkrieg, Sebastian hat bereits einen Polizeiknüppel über die Birne gezogen bekommen, aber er schwadroniert ungebremst weiter: "Zivilisation lässt sich nur aufrechterhalten, wenn jeder Mann, und sei er noch so dumm, arm und unfähig, eine Frau zugeteilt bekommt, der er sagen kann, was sie zu tun hat. Ansonsten: Gewalt und Chaos." Gut gebrüllt, Pappkamerad!

Karen Duve: Macht. Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016; 416 S., 21,99 €