DIE ZEIT: Frau Nelles, Sie beschreiben in Ihrem Buch über Rudolf Augstein, dass Sie mit ihm am Frühstückstisch sitzen und er Ihnen erklärt, wie er sein Ei am liebsten isst: nicht die Spitze mit dem Messer abschlagen, lieber weich gekocht im Glas mit etwas Schnittlauch. War er eine Diva?

Irma Nelles: Nein! Das hart gekochte Ei pellte er ganz geduldig ab und sagte nebenbei: Es gibt Leute, die schlagen ein Ei mit dem Messer auf. Jede Form der Gewalt war ihm zuwider. Mir fiel das schon bei dieser Kleinigkeit auf.

ZEIT: Eine andere Szene: Kurz bevor er in München eine Rede halten soll, fleht er Sie an, ihm die Haare zu föhnen, weil er es, wie Sie schreiben, "wegen dieser elenden Hitlerei nicht ertragen könne, den rechten Arm in die Höhe zu recken". Waren das Allüren oder tiefe Verletzungen?

Nelles: In der beschriebenen Situation hat er das natürlich als Witz gemeint, um mich dazu zu bewegen, ihm die Haare zu föhnen. Da war er nervös, weil er eine Rede halten musste. Die sogenannte Hitlerei tauchte aber immer wieder auf, manchmal eben auch auf witzige Weise.

ZEIT: Sie lernten Augstein in den Siebzigern in Bonn kennen, dort arbeiteten Sie im Parlamentsbüro des Spiegels im Sekretariat. Was war Ihr erster Eindruck?

Nelles: Damals habe ich ihn zum ersten Mal gesehen, kennengelernt habe ich ihn erst später. Dass Augstein kommen würde, merkte ich an der veränderten Atmosphäre in der Redaktion. Die Redakteure trugen anders als sonst Anzug und Krawatte. Augstein kam, setzte sich in ein freies Zimmer und telefonierte viel. Mir gegenüber war er in der halben Minute, in der ich mit ihm zu tun hatte, recht cheffig. Als ich ihn Monate später in der Redaktion noch einmal gesehen habe, war das plötzlich anders. Da saß er in einem Zimmer und wirkte etwas alleingelassen auf mich.

ZEIT: Sie begannen für Augstein zu arbeiten, und er machte Ihnen eindeutige Avancen, auf die Sie sich nicht einließen. Danach hätte er Sie fallenlassen können. Warum tat er das nicht?

Nelles: Das weiß ich nicht. Es war wohl nicht seine Art, Frauen fallenzulassen.

ZEIT: In den ersten Jahren, als Sie ihn kennenlernten, trank Augstein zu viel, klagte, wie schlecht es ihm gehe, die Redakteure schienen vor ihm zu flüchten, wenn er auftauchte, und er fürchtete die Bild- Zeitung. Tat er Ihnen leid?

Nelles: Mitleid? Davor wäre er nun wiederum sofort geflüchtet. Ich habe ihn einmal im Scherz bedauert und gesagt, ach je, du Armer. Da habe ich sofort sehr grantig zu hören bekommen: "Ich bin nicht arm."

ZEIT: Was war es, das Sie bei ihm hielt?

Nelles: Er war ein sehr guter Chef. Er war lustig und von großzügiger Intelligenz und Gelassenheit.