Kyrill wollte im Keller interviewt werden. Es war 1986. Der orthodoxe Bischof von Smolensk und Königsberg kam, eine mächtige Gestalt, im schwarzen Gewand und ohne die übliche zylindrische Kopfbedeckung die Treppe hinunter in den spärlich beleuchteten Archivflur im Zentrum des Weltkirchenrates in Genf. Sein tiefer Bass klang aufgeregt. Ein ums andere Mal fuhr er sich mit der Hand durch das sich von vorn lichtende dunkelblonde Haar und den welligen Vollbart.

Kyrill hatte wenige Jahre zuvor den Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan kritisiert, das war mutig. Er war 40, ein eloquentes Raubein, und gehörte zum orthodoxen Führungsnachwuchs. Die älteren Bischöfe sprachen über die Schönheit der Trinität und die nötige Vergöttlichung des Menschen, aber kein Wort über Kirchenpolitik oder andere Fragen aus dem Hier und Jetzt. Kyrill aber sagte, dass die Orthodoxen die Frauenordination ablehnten und trotzdem mit Protestanten und Anglikanern zusammenarbeiten wollten. Und er stieß sich daran, dass die Führungspositionen im Genfer Zentrum des Weltkirchenrates oft mit Protestanten und Anglikanern, aber selten mit Orthodoxen besetzt wurden. Er gab der Orthodoxie damit eine Stimme, die politisch mitreden konnte. Und nachdem er Vertrauen gefasst hatte, antwortete er sogar einem Journalisten. Das tat keiner der orthodoxen Kirchenführer. Kyrill galt als kompromissfähig.

Inzwischen ist er 70 und ergraut, und er hat es geschafft. Seit 2009 amtiert Kyrill I. als Patriarch, als Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, die sich im Glanz einer Quasi-Staatskirche sonnt. Er residiert wie ein Großfürst und versteht sich prächtig mit Wladimir Putin. Und er liefert dem russischen Präsidenten die spirituelle Grundlage für seine Politik der Spaltung Europas. Orthodoxe kennen keine kritische Distanz zwischen Staat und Kirche. Sie beschreiben ihr Verhältnis zum Staat als "Symphonie", als Zusammenwirken. Oft vertreten sie einen ungebremsten Nationalismus.

Dieser machte sich zum Beispiel im Konflikt um die Ukraine bemerkbar. Kyrill exkommunizierte den Kiewer Metropoliten Filaret. Der hatte sich mit 3.000 Geistlichen in knapp 4.000 Gemeinden von Moskau abgewandt und eine eigene Kirche ausgerufen. Moskau bleibt aber auch ohne ihn die bestimmende Größe mit immer noch 10.000 Geistlichen in 12.000 Gemeinden. Daneben existiert in der Ukraine eine dritte orthodoxe Kraft, die Autokephale (eigenständige) Kirche. Sie zählt 1.200 Gemeinden und 700 Geistliche. Und sie wird als einzige ukrainische Gründung von den anderen orthodoxen Kirchen anerkannt.

Hat Kyrill seine Kompromissfähigkeit verloren? Vor wenigen Wochen gab er der "gottlosen Zivilisation" im Westen mit Homoehe und Libertinismus eine Mitschuld am Entstehen des "Islamischen Staates" und anderer radikaler Gruppen. Er empfiehlt seine Kirche mit ihrer autoritären Führung und ihrer traditionellen Kultur als Gegenentwurf zur richtungslosen westlichen Moderne, zu den pluralen Demokratien. Und er hat Verständnis für Putin und seine Politik der harten Hand.

Andererseits. Kyrill setzt sich auch gegen die radikalen Traditionalisten in seiner Kirche durch. Die wollen alle Brücken zum Westen abbrechen, weil sie meinen, dass sich die Russen dadurch nur an westlichen Krankheiten wie Individualismus und Neutralität des Staates in Sachen Religion anstecken. Zu den Erztraditionalisten gehörte auch der Sprecher von Kyrills Kirche, Erzpriester Wsewolod Tschaplin – kurz vor Weihnachten setzte sein Chef ihn ab. Denn Kyrill selbst pflegt, eigenwillig, polemisch und manchmal polternd, weiter den Dialog. Wenn er nun auf auf Kuba mit Papst Franziskus zusammentrifft, wird das sein größter außenpolitischer Erfolg.

Der hilft ihm auch im Kampf um die innerkirchliche Vorherrschaft. Denn die russisch-orthodoxe Kirche stellt mit 180 Millionen Mitgliedern den nach eigenen Angaben größten Anteil der 300 bis 400 Millionen Orthodoxen der Welt – eine Größenordnung, die an jene der Protestanten heranreicht. Genaue Zahlen gibt es aber nicht, weil die Orthodoxen keine Mitglieder zählen. Gern würde Kyrill die Führung der Weltorthodoxie übernehmen.

Aber in der protokollarischen Rangfolge unter den gleichberechtigten Patriarchen nimmt der Moskauer nur den fünften Platz ein. Den Ehrenvorsitz hat Bartholomaios I. inne, der Patriarch von Konstantinopel, der einstmals mächtigsten Kirche des Ostens. Bartholomaios ist ein Brückenbauer, ein Freund des Papstes und der evangelischen Bischöfe und ein Feind harter Abgrenzungen. Er will zusammenführen. Und er setzt sich für den Umweltschutz ein. Politisch hat er kaum Macht. Das ökumenische Ehrenoberhaupt der Orthodoxie residiert bescheiden in einem Stadtteil Istanbuls. Die Ortskirche, die ihn umgibt, zählt kaum 2.000 Mitglieder. Doch Orthodoxe sind ja traditionell. Die meisten Kirchen stehen zu ihm und respektieren seine Entscheidungen. Kyrill, der seine Macht offen zur Schau trägt, weckt auch Abneigung.