Die deutsche Wirtschaft kann sich ebenso wenig wie die Bundesregierung Populismus leisten; sie muss arbeiten. Umso irritierender wirkt es auf Unternehmer, wie leichtfertig in Deutschland damit umgegangen wird, dass womöglich der Schengen-Raum zerbricht und Südosteuropa destabilisiert wird.

Der deutsche Außenhandel mit Osteuropa trotzte in den vergangenen Monaten erfolgreich der russischen Wirtschaftskrise. Wie war das möglich? In erster Linie haben die deutschen Unternehmen dies dem Wachstum im Südosten des Kontinents zu verdanken. Allein im ersten Halbjahr 2015 legte der Handel mit dem kleinen Albanien um mehr als 21 Prozent zu, der mit Kroatien, Bulgarien und Mazedonien um mehr als 16 Prozent und der mit dem etablierten Wirtschaftspartner Slowenien um fast 11 Prozent. Auch deutsche Exporte nach Rumänien stiegen um über 11 Prozent, die nach Serbien um 9 Prozent. Anders als andere osteuropäische Staaten sind die Länder des Westbalkans wirtschaftlich kaum global vernetzt. Alle Staaten der Region sind darauf angewiesen, dass ihre Firmen vor allem in die Logistik- und Wertschöpfungsketten von deutschen und italienischen Unternehmen integriert werden. Wer behauptet, die geforderte Schließung der Grenzen von Deutschland, Österreich und weiteren Staaten betreffe ja den Warentransport nicht, missachtet den Handel und die Realität von Tausenden Pendlern in grenznahen Gebieten. Außerdem ignoriert er die realen Erfahrungen mit Lkw-Wartezeiten an den Grenzübergängen. Die Schäden für die deutsche Wirtschaft wären bei einer Kettenreaktion von Abriegelungen des Westbalkans unabsehbar.

In Wahrheit ist auch nicht Deutschland an die Grenze seiner Belastbarkeit gelangt. Die Staaten der sogenannten Balkanroute, auf der sich Flüchtlinge seit gut sechs Monaten in die reichsten Länder der Erde bewegen, sind sowohl politisch als auch wirtschaftlich in einem Maße fragil, das uns außerordentlich besorgt stimmen müsste. Der EU-Beitrittskandidat Serbien, gesegnet mit einer reichen industriellen Tradition und einer gut ausgebildeten Bevölkerung mit hoher Produktivität, gewinnt vor allem als Abnehmerland deutscher Maschinen an Bedeutung. Aber das große Potenzial des Landes wird ohne strukturelle Reformen, deutlich mehr Rechtssicherheit und höhere Investitionen nicht ausgeschöpft, und das Wirtschaftswachstum ist mit kaum 0,5 Prozent bei Weitem nicht ausreichend, um die Zufriedenheit von Unternehmen und Bürgern zu steigern. Dabei ist das hoch verschuldete Serbien so etwas wie der Anker der politischen und wirtschaftlichen Hoffnung für die ganze Region. Sieht man vom kleinen, ökonomisch hoch entwickelten Schengen-Land Slowenien ab, sind alle weiteren Balkanstaaten so klein, dass sie auf sich gestellt kaum Aussicht auf eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung haben.

Auch auf Druck der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft begann diese Erkenntnis gerade in den Köpfen der dortigen Politiker zu reifen: An engerer Zusammenarbeit und Herstellung eines einheitlichen Markts mit offenen Grenzen führt für den Westbalkan kein Weg vorbei. Deutsche Unternehmer, die für den Vertrieb ihrer Waren auf den wenige Kilometer entfernten Märkten der Region tagelange Wartezeiten und endlose Bürokratie hinnehmen müssen, wenden sich irgendwann ab. Das kleine Mazedonien, das immerhin einige deutsche Industrieunternehmen anlocken konnte, muss inzwischen die Zeche für die Unfähigkeit der europäischen Regierungen zahlen, sich auf ein gemeinsames Management der Außengrenzen zu einigen. Ohne echte ökonomische Perspektive ist auch der Kunststaat Bosnien und Herzegowina. Vor allem dann, wenn eigene Politiker mit Verweis auf die tief verankerte Korruption und ein grotesk komplexes Ministerialsystem offen ihr tiefes Verständnis für jeden Unternehmer erklären, der nicht bei ihnen investiert.

Die Arbeitslosigkeit in der gesamten Region liegt zwischen 19 und 31 Prozent. Im Kosovo lebt noch immer ein Drittel der Bevölkerung unter dem Existenzminimum: Fünf Prozent der Gesamtbevölkerung stimmten vor einem Jahr mit den Füßen über die Wirtschaftsperspektiven ihres Landes ab und machten sich auf den Weg nach Norden. Wer meint, die Transitländer der Balkanroute müssten das Problem von Hunderttausenden zusätzlich Schutzsuchenden eben aushalten, bis es sich von selbst erledige, spielt mit dem Feuer. Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens könnten daran zerbrechen.

Nach zwei Weltkriegen und nach dem vor zwanzig Jahren mühsam beendeten Bosnienkrieg sollten die Europäer gelernt haben, dass kurzsichtige Politik in diesem Teil Europas verheerende Folgen auch für die bislang wohlhabendsten Regionen hat. Wenn wir nicht schnell einen Weg finden, die Länder des westlichen Balkans politisch und ökonomisch entscheidend zu stärken, werden die zeitweise Belegung deutscher Turnhallen und der Mangel an Sprachlehrern unsere geringsten Sorgen sein.

Marcus Felsner ist Vorsitzender des Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft