Selbst in unserer schönen Stadt gibt es immer wieder Ereignisse, die gemeinhin als "empörend" gebrandmarkt werden. So zum Beispiel diese Begebenheit im Hauptbahnhof: Eine Frau stand vergangene Woche im Drogeriemarkt, sie probierte Kosmetika aus, insgesamt sieben, und legte sie wieder zurück ins Regal. Ob es der Kundin generell im Leben schwerfällt, sich zu entscheiden? Ob sie sich jedes Mal vergriffen hat, weil sie unter starker Kurzsichtigkeit leidet? Ist nicht bekannt. Was aber bekannt ist: Der Ladendetektiv wurde auf die Frau aufmerksam, hielt sie fest, woraufhin die Frau ihm mitten ins Gesicht spuckte.

Geht’s noch? Spucken, das macht man doch nicht! Lernt doch jedes Kind! Stimmt – und stimmt auch wieder nicht. Denn die Kulturtechnik des Spuckens ist weniger eindeutig verachtenswert, als viele es glauben. Und das beweist schon jedes Kind.

Wenn Babys spucken, wird das von gepeinigten Eltern, die zum vierten Mal am Tag die Waschmaschine anwerfen müssen, zwar mit einem gequälten Aufstöhnen bestraft, das ist aber auch das höchste der Gefühle. Gesamtgesellschaftlich sind sabbernde und spuckende Kinder weder verachtenswert noch empörend. Sie sind schlicht: süß.

Ähnlich rücksichtsvoll gibt sich der Mensch bei Wesen, denen er fast genauso stark verfallen kann wie Babys: Tieren. Im Tierpark Hagenbeck leben Alpakas. Wie auf der Homepage des Zoos zu erfahren ist, paaren sie sich im Liegen, es gibt äußerst selten Zwillingsgeburten, und dort steht auch, dass sie spucken – allerdings nur, wenn sie äußerst aufgeregt sind. Diese intuitive Reaktion ist doch verständlich, denkt der Mensch, wir machen uns ja auch manchmal vor Aufregung in die Hose.

Womit wir beinahe nahtlos bei den Königen der Spuckakzeptanz angelangt sind: bei Profifußballern. Auch die sind häufig sehr aufgeregt. Weil sie aber eingebläut bekommen, dass nur Weicheier in diesen Situationen in die Hose machen, schleudern sie ihre Körperflüssigkeit anders raus. Sie rotzen auf den Rasen. Spucken ist bei ihnen ein wahres Zeichen von Männlichkeit. Jeder von ihnen ist ein Homo spuckiens, der zeigen will: Ich bin allzeit viril im Spiel.