Sie war 15, als sie vor der Filmkamera Anne Frank spielte, das jüdische Mädchen, das mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, im März 45. Unterdessen ist die Schauspielerin Lea van Acken 16 geworden, der Film Das Tagebuch der Anne Frank in der Regie von Hans Steinbichler läuft auf der Berlinale in einer Sondervorführung der Reihe Generation, und Anfang März kommt er ins Kino. Es ist die erste deutsche Kinoverfilmung des weltberühmten historischen Stoffs. Die ungewöhnlich junge Darstellerin in der vielleicht unmöglichsten aller deutschen Rollen: Diese Konstellation wirkt schon jetzt wie ein Aufmerksamkeitsmagnet. Treffpunkt: ein Hamburger Hotel, eine zurückgezogene Ecke im siebten Stock.

Sie ist da, sagt der Pressemann und zeigt auf eine Sesselgruppe, aber ist sie das wirklich? Eben erst war sie auf der Leinwand das ikonenhaft bekannte Mädchen Anne Frank, mit jenen schwarzen kinnlangen Haaren, den tiefdunklen Augen im blassen Gesicht. Das Anne-Frank-Lächeln. Die obligatorische Haarspange, blumige Mädchenkleider unter Wolljacken, über Wollstrümpfen, das karierte Tagebuch mit Schnappschloss in Reichweite. Die grazile Person aber, die dort hinten, in einer hochgeschlossenen nachtblauen Bluse, kerzengerade in einem tiefen Hotelsessel sitzt, die Hände auf dem Schoß, hat mit dieser Anne fast keine Ähnlichkeit. Sie hat Rehaugen. Etwas Gazellenhaftes. Ein Anflug von Prinzessin. Sie gleicht, verwirrend, der jungen Audrey Hepburn.

Wird sie auf diese Ähnlichkeit oft angesprochen? "Es kommt vor", sagt Lea van Acken, ihre Stimme ist hell wie die eines Kindes. Dann führt sie fast routiniert aus, ja, ihr Lieblingsfilm sei zwar Ein Herz und eine Krone, mit Hepburn und Gregory Peck, 1953. Aber schauspielerisch unübertroffen findet sie, in der ersten Szene von Inglourious Basterds, doch Christoph Waltz, und dann erzählt sie über Filme, an denen sie sich schulte und Maß nahm, bei den Kinoabenden mit ihren Eltern: "Ich habe ja nie Schauspielunterricht gehabt." Sie legt bei diesem Satz leicht die Hand an ihren Hals, wie zum Schutz ihrer Stimme.

Diese 16-Jährige hat nie schauspielen gelernt, sie spielt einfach, seit Jahren, was läge näher, als das kindlich zu nennen? Doch es fiele einem nicht ein, sie im Gespräch zu duzen. Ihr gefeiertes Debüt hat sie als 14-Jährige in Dietrich Brüggemanns Film Kreuzweg gegeben, der 2014 bei der Berlinale einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch gewann. In dem kühl inszenierten Film spielt sie ein Mädchen, das in einen buchstäblich körperlichen Konflikt gerät: zwischen pubertären Ausbruchsgefühlen und der erstickenden Geistesenge einer ultrakatholischen Sekte, der ihre Familie angehört. Nun spielt sie als Anne Frank das Ende der Kindheit schlechthin.

Dass sie diese Rolle bekam, versteht sie als "Riesenehre", dieser Film war für sie ein "Respektding". Aber wie wird aus Ehre und Respekt eine Nähe, die es einem möglich macht, die Gefühle eines Menschen zu spielen, dem die Vernichtung droht?" Die Todesangst? Den Hass auf die Mutter? Die langsam entstehende Liebe zum langweiligen Peter? Lea van Acken hat sich Anne Frank methodisch genähert, sie hat das Tagebuch wieder und wieder gelesen, sich daraus charakteristische Sätze notiert, zuerst diesen: "Ich renke mir schnell Arme und Beine aus", das war für sie typisch Anne. Dann, so erzählt sie, habe sie begonnen, Anne Briefe zu schreiben. Kennt jemand diese Briefe? "Nein, die kennen nur Anne und ich." Sie ist mit ihrer Familie nach Bergen-Belsen gefahren, nach Amsterdam, an die historischen Orte des Lebens von Anne Frank.

Nur eins hat sie nicht getan: Sie hat sich nicht jenen Fernsehfilm von 2015 angesehen, in dem der Tagebuch-Stoff erstmals auf Deutsch umgesetzt wurde (auch ihn hat Walid Nakschbandi mit seiner Firma AVE produziert, die wie die ZEIT zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört). In diesem ARD-Film hat die 18-jährige Mala Emde in der Hauptrolle eindrucksvoll eine Anne Frank vor Augen geführt, die in der Verzweiflung zu einer jungen Intellektuellen wird. Aber Lea hielt Abstand, sie steckte da schon in den eigenen Dreharbeiten, sie wollte sich nicht durch Emdes Interpretation beeinflussen lassen.

Die Aufgabe, eine historische Echtheit zu spielen, die sich notgedrungen wandelt und sich entzieht, war schwer genug: Gut zwei Monate haben die Dreharbeiten gedauert, sie mussten reichen, um jene Ewigkeit darzustellen, die zwischen Anne Franks 13. Geburtstag und der Deportation liegt, zwischen dem 12. Juni 1942, an dem das Mädchen ihr Tagebuch zu schreiben beginnt, und dem 4. August 1944, an dem dieses Tagebuch jäh abrbricht, weil die Gestapo die acht versteckten Juden entdeckt, die mehr als zwei Jahre auf 50 Quadratmetern in einem Hinterhaus ausgeharrt haben. Was heißt da Echtheit? In jenen Jahren des Verstecks war aus der kindlichen Tagebuchschreiberin Anne eine frühreife Schriftstellerin geworden, die ihre Notate bewusst für die Nachwelt redigierte, fiktionalisierte und zugleich dokumentarisch als Zeitzeugnis entwarf, um berühmt zu werden.

Diese Wandlung des eigenwilligen Kindes zur starken auktorialen Stimme unter den Bedingungen von Terror, Gefangensein und Todesangst vollzieht Lea van Acken bewundernswert am eigenen Leibe nach, wie im Zeitraffer. Diese junge Darstellerin verkörpert den leibseelischen Übergang der Kindheit ins Erwachsensein, als könne sie schon wissen, was es heißt, eines Tages nie wieder ganz Kind zu sein. Und als kenne sie die Schwelle, auf der Anne Frank lebte. Sie spielt gegen den Mythos an, gegen die Ikone, gegen die machtvolle Überlieferungs-, Überlagerungs- und Quellengeschichte, mit der es jeder aufnehmen muss, der sich Anne Frank nähern will. Und sie erschafft eine Geschichte, die untrügerisch wahr ist: Einmal stürzt sie mit einer Lade Kartoffeln im Versteck die Dachbodenstiege herunter, und der polternde Lärm fährt einem durch Mark und Bein wie die bitteren Tränen des Mädchens. Vielleicht hat diesen Radau jemand gehört, vielleicht zieht er Verrat und Tod nach sich, alles wäre vorbei. Lea van Acken legt in dem Stoff jene Echtheit frei, die von den Anne-Frank-Erben hartnäckig beschworen wird, auf dass diese unvorstellbare Geschichte durch Treue zur literarischen Quelle von Generation zu Generation weitergegeben werde.

Doch die hepburnhafte Person täuscht sich nicht über Echtheit, die helle Kinderstimme wird nun tiefernst: "Ich kann Annes Todesangst nicht empfinden." Lea van Acken spielt sie nur.

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