Es ist ziemlich viel los auf diesem Humpen aus Elfenbein. Ein Elch wird gejagt, auf der anderen Seite ein Wildschwein. Hunde rasen durchs Gebüsch, die Jäger sind ziemlich leicht geschürzt – aber wer kommt in unseren Gefilden schon auf die Idee, mit bloßem Oberkörper auf die Sauhatz zu gehen? Die Antwort ist einfach: In der Renaissance und im Barock hatten Könige und Adelige Freude daran, ihre Freizeitvergnügungen bildlich in die Antike zu verlegen. Darum läuft hier die Jagdgöttin Diana mit Speer und entblößter Brust durchs Geschehen, nackte Gesellen blasen ins Horn, und auf dem Deckel präsentiert ein geflügelter Amor sein Werkzeug. Lieben und Jagen gehören eben seit jeher zusammen.

Die Elfenbeinschnitzerei ist von höchster Virtuosität. Die Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts sammelten solche Schaustücke in ihren Kunst- und Wunderkammern, und auf den ersten Blick wird fast jeder diesen Prachtkrug so einordnen. Aber es ist ganz anders: Der Humpen stammt aus einer süddeutschen Elfenbeinwerkstatt des mittleren 19. Jahrhunderts. Damals waren die alten Handwerkstechniken noch lebendig, zugleich zeigten viele Museen die Kunstkammerschätze der Fürsten. Ein Ziel dabei war es, das zeitgenössische Kunstgewerbe mit Vorbildern zu stimulieren. Wie die Malerei labte sich auch das Kunsthandwerk an der Vergangenheit: Die Bürger wollten nun auch Adelskunst haben.

Lange war der Historismus des 19. Jahrhunderts verpönt, doch blicken heute viele mit offenen Augen darauf. Der Geschmack hat sich gewandelt. Die Kunsthändler Dr. Birbaumer & Eberhardt in Timmendorfer Strand sind seit vielen Jahren auf Kunstkammerstücke des Historismus spezialisiert, lange waren sie fast die Einzigen. Stücke wie dieser Humpen, den sie für 28.000 Euro anbieten, erzählen spannende Geschichten: nicht nur von Jagd und Liebe, sondern auch vom bürgerlichen Geschmack während der beginnenden Industrialisierung.

Der Autor ist stellv. Chefredakteur von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen"