Es ist nicht leicht zu fassen, was da gerade mit dem amerikanischen Konservatismus passiert. Die einstmals staatstragende Partei der Republikaner war in ihrer langen Geschichte stets ein breites Bündnis vieler Gruppen, darunter fromme Christen, materialistische Banker, Farmer, Arbeiter, Kaufleute und Außenpolitiker aller Schattierungen – Realisten, Isolationisten, Interventionisten. Nun ist die Volkspartei dabei, sich vor den Augen der Welt in eine Plattform für Extremisten zu verwandeln.

Will man verstehen, wie tief dieser Prozess ins Mark der Partei greift, darf man sich nicht von ihren lautesten Vertretern ablenken lassen – weder vom gelbhaarigen Geschäftsmann Trump noch von bibelschwenkenden Frömmlern wie Ben Carson und Ted Cruz.

Die Parteioberen, einflussreiche Großspender und führende konservative Intellektuellen möchten am liebsten den jungenhaften 44-jährigen Senator Marco Rubio auf der größten Bühne der Welt nach vorn schubsen – einen Sohn kubanischer Einwanderer, dem wegen seiner einnehmenden Art beste Chancen zugeschrieben werden, es mit Hillary Clinton aufzunehmen.

Er wird als "Hoffnung der Gemäßigten" gepriesen, als "moderate Stimme", als einziger Kandidat, der "die Partei vereinen" könnte. Ob er wirklich das Zeug zum Kandidaten hat, wird man wohl noch lange Zeit nicht erfahren. Doch Rubio steht für eine Grundfrage der Partei, ja des amerikanischen politischen Systems. Hat Amerika überhaupt noch ein rechtes Zentrum? Ist der Begriff der politischen Mitte auf die Republikaner eigentlich noch anwendbar?

Rubio hebt sich von den schrilleren Mitbewerbern durch angenehme Umgangsformen ab. Er schreit bei seinen Auftritten nicht herum, er beleidigt niemanden auf Twitter, er hetzt auch nicht gegen Minderheiten. Er wirkt in den TV-Debatten manchmal fast ein bisschen gehemmt, trotz seines freundlichen, leicht pausbäckigen Lächelns. In kleineren Foren, bei Wahlkampfauftritten in den Diners, Kirchen und Turnhallen New Hampshires etwa, kann er das Publikum für sich gewinnen. Da erzählt er ungekünstelt von seinem Leben als Vater von vier Kindern, von den finanziellen Sorgen eines Aufsteigers aus kleinsten Verhältnissen, vom Familientrauma der Drogenkriminalität seines Schwagers. Er ist kein älterer weißer Mann voller Ressentiments. Er soll ja auch die Jüngeren, die Frauen und die Wähler aus den ethnischen Minderheiten für die Rechte gewinnen.

Doch der nette Herr Rubio verfolgt eine radikale Agenda. Er glaubt, dass "Gottes Gesetz" über der menschengemachten Verfassung stehe. Wo auch immer sich ein Konflikt zwischen göttlichen Geboten und menschlichem Recht auftue, doziert er, "haben Gottes Regeln stets den Vorrang". Wer will, kann das als Aufruf zum Widerstand gegen die säkulare Ordnung lesen.

Schwangerschaftsabbrüche lehnt er kategorisch ab, sogar nach einer Vergewaltigung. Rubio will, wie alle republikanischen Mitbewerber, die von Obama eingeführte Krankenpflichtversicherung abschaffen, von der Millionen Arme profitieren. Eine Steuerreform nach seinen Vorschlägen würde hingegen die Superreichen im Land abermals bevorzugen: Kapitalertragsteuern sollen komplett entfallen. Den Klimawandel hält er abwechselnd für nicht erwiesen, nicht menschlichen Ursprungs oder politisch zu vernachlässigen. Die Einwanderung will er durch 700 Kilometer neuen Zaun an der mexikanischen Grenze, harsche Gesetze und Zehntausende neue Beamte stoppen. So weit die Innenpolitik.

Noch drastischer zeigt sich Rubios Radikalität in seinen Ideen zur Außenpolitik. Er gilt hier als versierter und ambitionierter als alle Mitbewerber. Foreign Affairs, die angesehenste US-Zeitschrift für globale Fragen, gab ihm im vergangenen Herbst Gelegenheit, seine Vision "neuer amerikanischer Stärke" auszubreiten. Man kann sie in folgenden Stichworten zusammenfassen: massive Aufrüstung, bedingungslose Unterstützung Israels, Aufkündigung der Abkommen mit dem Iran und Kuba, schwere Waffen an die Ukraine, "totale Isolierung Russlands" (sogar vom internationalen Zahlungsverkehr), Eindämmung Chinas, militärische Auslöschung des IS, Wasserfolter von mutmaßlichen Terroristen in Guantánamo. Ach ja, und: Syrische Flüchtlinge dürfen natürlich grundsätzlich nicht ins Land, sofern sie Muslime sind und also Terroristen sein könnten.

Bei Rubio gibt es keinen Moment des Innehaltens, keinen Ansatz eines Zweifels, ob nicht vielleicht ebensolche dröhnende Machtpolitik Amerika und die Welt in jenes Unglück gestürzt hat, das uns nun in Form von Staatszerfall, Fluchtwellen und dem Aufstand der autoritären Herrscher gegen die liberale Weltordnung einholt. Dass einer wie er unwidersprochen als Mann der Mitte gelten kann, zeigt, wie tief die politische Krise Amerikas reicht. Das überkommene politische Schema von vernünftiger Mitte und radikalem Rand gilt in der heutigen republikanische Partei nicht mehr. Sie ist so weit nach rechts gerückt, dass sie ihren eigenen Radikalismus nicht mehr versteht.