Deutsche Autos sind schwer und solide, italienische klapprig und unzuverlässig. Muttermilch ist gesünder als Flaschenmilch. Holländische Tomaten und israelische Orangen schmecken nach nichts. Politiker sind abgehoben. Journalisten lügen. Rentner sind die größte Bedrohung im Straßenverkehr. Oder sind es die Radfahrer? Das kommt auf den Standpunkt an. Denn Vorurteile prägen unser Leben.

Ein regelrechtes Feuerwerk von Vorurteilen hat sich in der Flüchtlingsdebatte entfaltet. Araber sind Diebe und Vergewaltiger. Afrikaner sind Drogendealer. Muslime sind Terroristen. Albaner sind Sozialschmarotzer. Flüchtlingshelfer sind weltfremde "Gutmenschen". Flüchtlingsgegner sind rassistische Kleinbürger. Je nach Standpunkt zerstört der massenhafte Zuzug von Fremden unsere Kultur oder – im Gegenteil – bereichert sie.

Während einige Vorurteile harmlos sind und uns schlimmstenfalls um das Vergnügen bringen, einen italienischen Sportwagen zu fahren, setzen andere ein lähmendes Gift frei. Vorurteile beenden jedes Gespräch. Sie sind weder begründbar noch widerlegbar – sie seien schwerer zu spalten als Atome, soll Albert Einstein gesagt haben. Der Historiker Theodor Mommsen, der 1890 den Verein zur Abwehr des Antisemitismus mitgegründet hatte, war schon vier Jahr später völlig ernüchtert. "Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann", erklärte er dem jüdischen Schriftsteller Hermann Bahr. Für "Gründe, logische und sittliche Argumente" seien die Antisemiten unerreichbar. "Die hören nur auf den eigenen Hass und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich."

Vorurteile sind keiner rationalen Kontrolle zugänglich, weil sie ihrerseits nicht rational kontrolliert entstanden sind. Logisch gesehen, bestehen sie aus der Kombination zweier Fehlschlüsse – aus einer unzulässigen Verallgemeinerung und einem unzulässigen Rückschluss. Von einem oder mehreren Mitgliedern einer Gruppe wird auf die ganze Gruppe geschlossen und von dieser Gruppe wieder zurück auf ein beliebiges anderes Mitglied. Am unverfänglichen Beispiel: Aus der Beobachtung einiger Mädchen mit roten Pullovern wird geschlossen, dass alle Mädchen rote Pullover tragen, und von dieser solchermaßen konstruierten Gruppeneigenschaft erfolgt der Rückschluss auf alle weiteren, gegenwärtigen oder künftigen, Mädchen, dass sie rote Pullover tragen. Sollte wider Erwarten ein Mädchen mit schwarzem Pullover auftauchen, wird uns das Vorurteil zur Annahme verleiten, es handle sich wahrscheinlich nur um ein besonders dunkles Rot oder unter dem schwarzen Pullover stecke heimlich doch ein roter – und so weiter. Die unterstellte Gemeinsamkeit hat sich zu einem sogenannten Stereotyp verfestigt, das gegen jede beobachtete Abweichung immun ist.

Vorurteile lassen sich nicht erschüttern. Denn Ausnahmen bestätigen nur die Regel

Aber während an dem fiktiven Pullover-Beispiel jeder den logischen Unfug erkennt, ist er in der Praxis gängige Übung. Um noch einmal auf die berüchtigte Kölner Silvesternacht zu kommen: Aus den sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen einzelner arabisch ("nordafrikanisch") aussehender Männer wurde auf eine Neigung aller arabischen Männer zu sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen geschlossen – und von dort wiederum zurück auf das Verhalten jedes einzelnen Arabers, der vielleicht gerade erst die Grenze zu überqueren versucht oder ein Flüchtlingsheim bezogen hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 11.2.2016.

Das Stereotyp schafft eine verdächtige Verbindung selbst zwischen Individuen, die sonst nichts miteinander gemein haben. Die Sozialpsychologie spricht in diesem Fall von "illusorischen Korrelationen" – wenn von einer vermuteten Identität auf ein vermutetes Verhalten geschlossen wird. Ein potenzieller Taschendieb ist am Ende nicht nur der arbeitslose Marokkaner, der sich mit Gelegenheitskriminalität über Wasser hält, sondern auch der syrische Zahnarzt, der sich um Frau und Kinder sorgt. Man müsste ihn, um ihn vom Verdacht zu befreien, eigens als Ausnahme deklarieren.

Die Rede von einer Ausnahme bestätigt indes nur das Vorurteil als Regel – dies ist der Grund, warum es sich nicht durch Gegenbeispiele erschüttern lässt: Die gelten immer als Ausnahmen. Selbst sehr deutliche Statistiken helfen nicht; unter anderem weil Statistiken immer nur begrenzte Vorkommnisse in der Vergangenheit feststellen können (es hat so und so viele x gegeben, die y gemacht haben), nicht aber eine Verallgemeinerung für die Zukunft treffen können (niemals haben und werden alle x immer y machen). Verteidiger des Vorurteils werden daher stets sagen, die Statistik gebe nur die Spitze des Eisbergs wieder; in Kürze werde man sehen, wie gewaltig er in Wahrheit sei.

Weil Vorurteile sachlich nicht zu widerlegen sind, haben wohl auch die grünen Flüchtlingsfreunde dem Kölner Generalverdacht gegen Araber nicht in der Sache widersprochen, sondern durch Überbietung: Sie haben von arabischen Männern gleich auf alle Männer aller Nationalitäten geschlossen. Damit wurde das kulturelle Vorurteil neutralisiert und gleichzeitig durch ein geschlechtsspezifisches ersetzt: "Alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger." Dagegen war Protest nicht zu erwarten. Wo so viele beschuldigt werden, muss sich niemand angesprochen fühlen.