Meinung mit beschränkter Haftung – Seite 1

Deutsche Autos sind schwer und solide, italienische klapprig und unzuverlässig. Muttermilch ist gesünder als Flaschenmilch. Holländische Tomaten und israelische Orangen schmecken nach nichts. Politiker sind abgehoben. Journalisten lügen. Rentner sind die größte Bedrohung im Straßenverkehr. Oder sind es die Radfahrer? Das kommt auf den Standpunkt an. Denn Vorurteile prägen unser Leben.

Ein regelrechtes Feuerwerk von Vorurteilen hat sich in der Flüchtlingsdebatte entfaltet. Araber sind Diebe und Vergewaltiger. Afrikaner sind Drogendealer. Muslime sind Terroristen. Albaner sind Sozialschmarotzer. Flüchtlingshelfer sind weltfremde "Gutmenschen". Flüchtlingsgegner sind rassistische Kleinbürger. Je nach Standpunkt zerstört der massenhafte Zuzug von Fremden unsere Kultur oder – im Gegenteil – bereichert sie.

Während einige Vorurteile harmlos sind und uns schlimmstenfalls um das Vergnügen bringen, einen italienischen Sportwagen zu fahren, setzen andere ein lähmendes Gift frei. Vorurteile beenden jedes Gespräch. Sie sind weder begründbar noch widerlegbar – sie seien schwerer zu spalten als Atome, soll Albert Einstein gesagt haben. Der Historiker Theodor Mommsen, der 1890 den Verein zur Abwehr des Antisemitismus mitgegründet hatte, war schon vier Jahr später völlig ernüchtert. "Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, dass man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann", erklärte er dem jüdischen Schriftsteller Hermann Bahr. Für "Gründe, logische und sittliche Argumente" seien die Antisemiten unerreichbar. "Die hören nur auf den eigenen Hass und den eigenen Neid, auf die schändlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich."

Vorurteile sind keiner rationalen Kontrolle zugänglich, weil sie ihrerseits nicht rational kontrolliert entstanden sind. Logisch gesehen, bestehen sie aus der Kombination zweier Fehlschlüsse – aus einer unzulässigen Verallgemeinerung und einem unzulässigen Rückschluss. Von einem oder mehreren Mitgliedern einer Gruppe wird auf die ganze Gruppe geschlossen und von dieser Gruppe wieder zurück auf ein beliebiges anderes Mitglied. Am unverfänglichen Beispiel: Aus der Beobachtung einiger Mädchen mit roten Pullovern wird geschlossen, dass alle Mädchen rote Pullover tragen, und von dieser solchermaßen konstruierten Gruppeneigenschaft erfolgt der Rückschluss auf alle weiteren, gegenwärtigen oder künftigen, Mädchen, dass sie rote Pullover tragen. Sollte wider Erwarten ein Mädchen mit schwarzem Pullover auftauchen, wird uns das Vorurteil zur Annahme verleiten, es handle sich wahrscheinlich nur um ein besonders dunkles Rot oder unter dem schwarzen Pullover stecke heimlich doch ein roter – und so weiter. Die unterstellte Gemeinsamkeit hat sich zu einem sogenannten Stereotyp verfestigt, das gegen jede beobachtete Abweichung immun ist.

Vorurteile lassen sich nicht erschüttern. Denn Ausnahmen bestätigen nur die Regel

Aber während an dem fiktiven Pullover-Beispiel jeder den logischen Unfug erkennt, ist er in der Praxis gängige Übung. Um noch einmal auf die berüchtigte Kölner Silvesternacht zu kommen: Aus den sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen einzelner arabisch ("nordafrikanisch") aussehender Männer wurde auf eine Neigung aller arabischen Männer zu sexuellen Übergriffen und Taschendiebstählen geschlossen – und von dort wiederum zurück auf das Verhalten jedes einzelnen Arabers, der vielleicht gerade erst die Grenze zu überqueren versucht oder ein Flüchtlingsheim bezogen hat.

Das Stereotyp schafft eine verdächtige Verbindung selbst zwischen Individuen, die sonst nichts miteinander gemein haben. Die Sozialpsychologie spricht in diesem Fall von "illusorischen Korrelationen" – wenn von einer vermuteten Identität auf ein vermutetes Verhalten geschlossen wird. Ein potenzieller Taschendieb ist am Ende nicht nur der arbeitslose Marokkaner, der sich mit Gelegenheitskriminalität über Wasser hält, sondern auch der syrische Zahnarzt, der sich um Frau und Kinder sorgt. Man müsste ihn, um ihn vom Verdacht zu befreien, eigens als Ausnahme deklarieren.

Die Rede von einer Ausnahme bestätigt indes nur das Vorurteil als Regel – dies ist der Grund, warum es sich nicht durch Gegenbeispiele erschüttern lässt: Die gelten immer als Ausnahmen. Selbst sehr deutliche Statistiken helfen nicht; unter anderem weil Statistiken immer nur begrenzte Vorkommnisse in der Vergangenheit feststellen können (es hat so und so viele x gegeben, die y gemacht haben), nicht aber eine Verallgemeinerung für die Zukunft treffen können (niemals haben und werden alle x immer y machen). Verteidiger des Vorurteils werden daher stets sagen, die Statistik gebe nur die Spitze des Eisbergs wieder; in Kürze werde man sehen, wie gewaltig er in Wahrheit sei.

Weil Vorurteile sachlich nicht zu widerlegen sind, haben wohl auch die grünen Flüchtlingsfreunde dem Kölner Generalverdacht gegen Araber nicht in der Sache widersprochen, sondern durch Überbietung: Sie haben von arabischen Männern gleich auf alle Männer aller Nationalitäten geschlossen. Damit wurde das kulturelle Vorurteil neutralisiert und gleichzeitig durch ein geschlechtsspezifisches ersetzt: "Alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger." Dagegen war Protest nicht zu erwarten. Wo so viele beschuldigt werden, muss sich niemand angesprochen fühlen.

Vorurteile als Marketingstrategie

So ärgerlich dieses Verfahren, so aufschlussreich: Meistens werden Vorurteile bloß durch andere Vorurteile bekämpft – durch Überbietung wie in diesem Fall oder durch Propagierung eines entgegengesetzten Vorurteils, wie es denn auch von muslimischer Seite sogleich geschah. Die Kölner Mädchen hätten mit Alkohol und Reizen nicht gegeizt und damit zweifellos auf die Begierde der Männer gezielt. Der unzureichend verhüllte Frauenkörper bediene nun einmal ein Reiz-Reaktions-Schema, das in der Natur angelegt sei.

Dass solch ein Gladiatorenkampf der dümmsten Vorurteile überhaupt aufgeführt werden kann, hat damit zu tun, dass schon unser harmloser Alltag von tausend Vorurteilen durchzogen ist – und ohne diese auch nicht zu bewältigen wäre. Wir können schlechterdings nicht alles, worauf wir unser Verhalten gründen, einer empirischen Überprüfung unterziehen. Wir gehen davon aus, dass Ampelschaltungen korrekt funktionieren und der Arzt bei seiner Diagnose keine Krankheiten erfindet (höchstens überflüssige Therapien). Wir glauben auch zu wissen, dass Teppichhändler Fantasiepreise nennen und wir bei Reisen mit der Deutschen Bahn einen Unsicherheitsfaktor von ein, zwei Stunden einplanen sollten.

Wir sind an den Umgang mit Vorurteilen derart gewöhnt, dass wir sie kaum mehr als solche wahrnehmen. Auch der Aufwand, den Unternehmen mit dem Aufbau und der Pflege von Marken betreiben, beruht darauf. Wir übertragen ungeprüft das positive Erlebnis mit einem Mercedes-Modell aufs nächste, und das ganze heilige Brimborium, das die Firma in ihren Werkstätten entfaltet, dient nur dazu, unser Gefühl von Sicherheit, Ruhe und Außenweltdämpfung, das die Fahrzeuge im besten Fall vermitteln, ins Atmosphärische zu verlängern und als Identität zu behaupten.

Dass hier keinerlei sachliche Einsicht waltet, zeigt schon der geringe Einfluss, den schleichende Produktverschlechterungen auf unser positives Vorurteil haben, während kleine Neuerungen, die an der Markenidentität kratzen, uns zutiefst verunsichern. Wenig hat Alfa Romeo so sehr geschadet wie die Entscheidung, das Zündschloss von der linken auf die rechte Seite des Lenkrads zu verlegen. Das Ende dieser kleinen Extravaganz, die bis dahin alle übrigen Extravaganzen, die sich die Marke leistete (durstig, teuer, unzuverlässig), entschuldigt hatte, beendete auch die Nachsicht der Fans. Fortan wurde nichts mehr entschuldigt.

Man kann das Spiel, das die Marketingstrategen der Industrie mit unserer Vorurteilsgeneigtheit treiben, gut mit dem erklären, was die Sozialpsychologie eine "implizite Persönlichkeitstheorie" nennt. Marken werden ähnlich wie Menschen als Persönlichkeiten erlebt, und über die Persönlichkeit entwickelt der Kunde unbewusst eine Theorie, die besagt: Wer die Eigenschaft a hat, wird gewiss auch die Eigenschaften b und c haben. So kommt es zu der Annahme, dass ein sicheres Auto gewiss auch zuverlässig und umweltfreundlich sein werde – obwohl ein solcher Zusammenhang keineswegs technisch besteht, sondern nur in unserer Vorstellung. Er beruht auf den gleichen Charakterstereotypen, die in der Alltagspsychologie weitverbreitet sind und beispielsweise dazu verleiten, gesprächige Menschen für freundlich, schüchterne Menschen für ängstlich, Verlierer für gutmütig zu halten.

Freilich gibt es im Alltag auch fließende Übergänge zwischen schon erhärteten Vorurteilen (den Stereotypen) und den bloß voreilenden Urteilen, die sich durch Erfahrung noch verformen lassen. Das fast schon auskristallisierte Vorurteil über die Solidität von Volkswagen konnte sich unter dem Eindruck der haarsträubenden Abgasmanipulationen noch einmal verflüssigen und nahm wieder die Form eines bloß voreilenden Urteils an – das nun allerdings widerlegt war.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat gezeigt, wie der ganze Prozess der Weltaneignung überhaupt nur durch solche voreilenden oder vorläufigen Urteile zustande kommt. Er spricht von einem Vorverständnis, mit dem wir uns den Dingen nähern und das wir bei ihrer Erkundung schrittweise modifizieren, bis es zu der berühmten "Horizontverschmelzung" kommt, die eintritt, wenn der Horizont unserer Vorannahmen mit dem Horizont des Gegenstandes zur Deckung kommt.

Auch wenn Gadamers Modell vornehmlich für das Verstehen von Texten und Kunstwerken entworfen wurde, entspricht es ziemlich genau dem naturwissenschaftlichen Konzept der Hypothese, die auch zunächst einmal gebildet werden muss, um ein Experiment überhaupt starten zu können; von seinem Ausgang hängt freilich ab, ob die Hypothese bestätigt oder widerlegt wird. Als sinnlos gelten deshalb Hypothesen, die durch kein wie immer geartetes Experiment widerlegt werden könnten – und es fällt nicht schwer, in ihnen genau das Muster der sozialen Vorurteile zu erkennen, die gegen jede Erfahrung immun sind. Der antisemitische Satz vom besonderen Geiz der Juden ist nicht durch den Verweis auf geizige Christen zu widerlegen; denn diesen fehlte dann immer noch das "besonders" Geizige. Letztlich wäre der Satz nur zu widerlegen, wenn der Nachweis gelänge, dass es gar keinen geizigen Juden gäbe – dazu müsste man jedoch zunächst alle lebenden oder jemals gelebt habenden Juden versammeln, was unmöglich ist.

Die Vertrautheit des Musters

Trotzdem ist es vorgekommen, dass selbst verstockte Antisemiten in Beweisnot gerieten. Um dem irritierenden Eindruck erschütternd geschäftstüchtiger Christen etwas entgegenzusetzen, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts das Konzept des "weißen Juden" entwickelt, also gewissermaßen eines jüdischen Wesens in christlicher Maske. Das ist natürlich erheiternd in seiner Dämlichkeit, enthält aber auch eine Warnung für die Gegenwart. Vorurteile können denen, die sie hegen, so kostbar sein, dass sie zu ihrer Verteidigung alles drangeben – selbst den letzten Anschein von Logik.

Wer sich gegen seinen Feind behaupten will, macht ihn zum Ungeziefer

Das Problem mit den Vorurteilen besteht ohnehin nicht darin, dass sie nur schwer zu enttarnen wären. Das Problem besteht in der Vertrautheit des Musters. Es gibt nicht nur Vorurteile, voreilende Urteile und vorläufige Urteile (im Sinne der wissenschaftlichen Hypothesenbildung), mit denen unser Denken ständig arbeitet, es gibt auch Vorurteile, die unserem Denken schlechthin zugrunde liegen – Kant nannte sie die "angeborenen Ideen". Dazu gehört so etwas Selbstverständliches wie das Kausalitätsprinzip, welches besagt, dass es Ursache und Wirkung gibt. Denn durch reine Beobachtung wird sich immer nur ein zeitlicher Zusammenhang feststellen lassen: Gleich nach Öffnung des Schleusentors fließt Wasser. Selbst wenn die Beobachtung sich tausendfach wiederholte, würde aus ihr niemals folgen, dass Wasser fließt, weil sich die Schleuse öffnet. Das "weil", die Annahme einer Kausalität, ist eine bloße Hypothese.

Und doch setzen wir Kausalität stets voraus. Sie lässt sich nicht belegen, hat sich aber im Umgang mit der Wirklichkeit bewährt. Es ginge mit dem Teufel zu, wenn wir nicht auch mit unseren Alltagsvorurteilen so umgingen – nach Maßgabe ihrer praktischen Nützlichkeit. Ein bedeutender Teil der Sozialpsychologie hat sich auf die Erforschung des funktionalen Nutzens von Vorurteilen verlegt und dabei (wie immer) das Offensichtliche noch einmal wissenschaftlich bestätigt: Vorurteile dienen der Identitätsbildung und Abgrenzung von Gruppen. Sie definieren, wer dazugehören soll und wer nicht. Insofern ist es nur natürlich, dass gerade die Flüchtlingsfrage Vorurteile in Massen produziert. Vorurteile sind hier gewissermaßen in ihrem Kerngeschäft tätig, insofern es um die Bestimmung geht, wer hineindarf und wer draußen bleiben soll.

Vorurteile werden auch benutzt, wenn es um die Verteilung knapper Ressourcen geht. Wer bekommt wie viel vom Kuchen? Lebensbedrohlich werden Vorurteile, wenn der Kuchen sehr knapp ist. Dann geht es um die Frage, wer überleben darf und wer nicht. Töten können Vorurteile auch, wenn es um die Inszenierung eines Krieges geht. Sie werden gebraucht, um die Einsicht abzuwehren, dass der Feind womöglich ebenso berechtigte Interessen hat wie man selbst.

Bemerkenswerterweise kamen die Kriege zwischen den Feudalstaaten Alteuropas ohne Herabsetzung des Gegeners aus; sie hatten oft nur den Charakter eines Kräftemessens. Das ist unter den Bedingungen der modernen Demokratie anders; gerade weil sie ernstere Kriegsgründe und meistens eine moralische Rechtfertigung verlangt, braucht sie auch die Denunziation des Gegners. Erst recht der totale Krieg des letzten Jahrhunderts und die irregulären Kriege von heute, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten, verlangen nach Vorurteilen, die den Opfern letztlich die Existenzberechtigung bestreiten. Darin ähnelt der terroristische Dschihadismus dem Krieg gegen den Terror: der andere – das ist eigentlich kein Mensch, sondern ein Ungeheuer.

Hier gibt es eine untergründige Dialektik von Fortschritt und Grausamkeit: Je emanzipierter und moralischer eine Gesellschaft, desto niedriger und gemeiner die Vorurteile, die sie produziert, um ihre Konflikte austragen zu können. Gerade weil sie an die allgemeinen Menschenrechte glaubt, muss sie im Fall der Gewaltanwendung dem Gegner das Menschsein absprechen. Und tatsächlich tendieren alle Vorurteile, mit denen sich eine Gruppe (ein Volk, eine Klasse, eine Religionsgemeinschaft) gegen ihre Feinde behaupten will, letzten Endes dazu, sie zu Ungeziefer zu erklären – zu Läusen, Parasiten, Krankheitsträgern.

Nutzen und Schaden von Vorurteilen

Das alles ist gut erforscht und keineswegs ein bloß historischer Befund. Vorurteile, auch wenn sie nur im Reich der Bilder und Sprache zu Hause sind, können brutale Mittel im Konkurrenzkampf sein. Aber Vorsicht: Nicht alles, was Menschen abwertet oder aufwertet, ist ein Vorurteil. Manches ist reine Antipathie, und es ist eine schöne Illusion zu glauben, dass sich alle Abneigungen auflösten, wenn ihnen keine Vorurteile zur Verfügung stünden. Manches ist ein regelrechtes Urteil – nur dass es meist nicht auf Erfahrung beruht, sondern aus einem Prinzip abgeleitet wird. Wer Christen als Ungläubige abwertet, hat kein Vorurteil, sondern urteilt im Sinne des Islam. Erst wenn weitere Zuschreibungen hinzukommen (Sittenlosigkeit, Materialismus), beginnt das Reich der Vorurteile. Auch die Bourgeoisie im Bolschewismus fiel keinen Vorurteilen zum Opfer (das manchmal auch), sondern der marxistischen Theorie.

Wichtig ist die Unterscheidung, um zu begreifen, warum mache Emanzipationsprojekte über einen gewissen Punkt nicht hinauskommen. Auch wer Homosexualität ablehnt, hat nicht unbedingt ein Vorurteil, das sich vielleicht sozialpädagogisch behandeln ließe. Er tut es einfach aus Prinzip oder weil er einer grotesk wörtlichen Auslegung heiliger Schriften folgt. Erst die Begründung könnte Vorurteile enthalten, zum Beispiel wenn Homosexualität als naturwidrig bezeichnet wird oder Homosexuellen irgendwelche missliebigen Eigenschaften (frivol, untreu, enthemmt) angedichtet werden.

Manchmal versuchen sogar die Opfer selbst, dem Vorurteil zu entsprechen

Komplizierter, aber höchst aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen subjektiven Vorurteilen, nämlich solchen, die feindselig gemeint und empfunden sind, und objektiven Vorurteilen, die nicht tendenziös gedacht sind, sich aber später als tendenziös erweisen. Dazu gehören Bewertungen, deren Zeitgebundenheit nicht zu durchschauen ist, weil sie auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhen. Dass diese ihrerseits auf vorurteilsbehafteten Annahmen beruhen können, ist nicht zu erkennen, wenn sie nur zeittypisch genug sind. Erst die historische Perspektive kann zur überraschten Wahrnehmung führen, dass Mitte des vorigen Jahrhunderts noch Babymilch aus dem Fläschchen für mindestens so gesund gehalten wurde wie Muttermilch. Damals war der Schaden noch nicht absehbar, den der massenhafte Import von Babymilchpulver in Länder der Dritten Welt anrichten würde. Vor allem aber fehlte der Natürlichkeitskult, der heute nahelegt, das natürliche Stillen für überlegen zu halten. Damals galt das Fläschchen als modern – hygienisch, standardisiert, medizinisch kontrolliert –, in jeder Hinsicht als überlegen. Was folgt daraus? Jede Zeit hat genau die Vorurteile, die ihrem Lebensgefühl entsprechen, und die Wissenschaft tritt als Dienstmagd dieses Lebensgefühls in Erscheinung.

Erst recht gilt das für die Geschlechterstereotype. Es ist lustig zu sehen, wie die gleichen Vorurteile, die früher über Frauen im Umlauf waren, heute auf Männer projiziert werden – dass sie triebhaft, treulos, instinktgesteuert und schwer erziehbar seien. Und selbstverständlich hat die Wissenschaft dabei heute wie ehedem bereitwillig mitgewirkt. Wenn sie früher nachzuweisen versucht hat, dass die Frauen noch einem ungezähmten Naturzustand näher stünden, so sieht sie jetzt im Mann das unzureichend zivilisierte, archaische Wesen. Übrigens beweisen die Geschlechterstereotype auch die trübste aller Vorurteilswirkungen: die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Bei Frauen hat man von erlernter Hilflosigkeit gesprochen: Nachdem man ihnen lange genug eingeredet hat, nicht einparken und keine Zündkerzen wechseln zu können, wurden sie tatsächlich die hektischen Autofahrerinnen und technischen Analphabeten, die man in ihnen sehen wollte.

Bevor man sich lange und fruchtlos über Vorurteile aufregt, sollte man allerdings fragen, wem sie nützen und wem sie schaden sollten. Die patriarchalische Gesellschaft hatte ein natürliches Interesse an der unmündigen Frau; und ebenso liegt auf der Hand, dass der Feminismus, nachdem er die Gleichberechtigung nicht mehr so recht voranbringt, es nun mit der Abwertung des Mannes versucht.

Das Interesse an einem Vorurteil muss aber nicht immer so durchsichtig sein. Es kann sich ebenso aus dem vorbewussten Zusammenhang einer Kultur oder Lebensform ergeben. Viele wundern sich, dass nicht überall auf der Welt die Mutter als erste und beste Instanz für das Wohl eines Kindes angesehen wird. In Frankreich gelten Erzieherinnen als die bessere Wahl – weil sie die ausgebildeten Experten sind, im Gegensatz zur bloß autodidaktisch vorgehenden Mutter. Das hat mit dem napoleonischen Erziehungssystem zu tun, das die Pädagogik staatlich professionalisierte und sich tief in der Vorstellungswelt der Franzosen verwurzelte.

Die Forschung lehrt, dass Vorurteile aus dem kulturellen Kernbestand sich erst auflösen, wenn die Lebensform zu unlösbaren Widersprüchen führt – wenn sich also im deutschen Fall die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie derart zuspitzte, dass am romantisch übersteigerten Konzept von Mütterlichkeit niemand mehr Interesse hatte. Solange ein Interesse besteht, und sei es nur ein subjektives an seelischer Balance, ist die Bekämpfung von Vorurteilen schwierig. Ulrich Wagner und Tina Farhan, Autoren eines einschlägigen Sammelbandes, geben nicht ohne Ironie zu verstehen, dass es überhaupt nur zwei wirklich aussichtsreiche Ansätze zur Ausrottung eines Vorurteils gebe: "grundlegende Veränderungen der sozialen und politischen Ordnung" oder "individualtherapeutische Interventionen". Beides sei schwer zu meistern. Der Gesellschaftsumsturz übersteige den "Rahmen der Möglichkeiten von Präventionsprogrammen", und die individuelle Therapie sei "extrem kostenintensiv" – was man sich allein schon angesichts der Zahl von Leuten, die man auf die Couch legen müsste, leicht vorstellen kann.

Die Vermutung, fremdenfeindliche Vorurteile hätten ihren Nährboden in einer bestimmten Gesellschaftsform und könnten nur mit ihr zusammen beseitigt werden, geht auf die berühmte Theorie vom "autoritären Charakter" zurück, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Mitte des vorigen Jahrhunderts in den USA entwickelt haben. Der autoritäre Charakter ist gleichzeitig autoritätshörig und autoritär, er gibt die Unterdrückung, die er erfahren hat, an andere weiter. Für die Anpassungsleistung, die er erbringen muss, rächt er sich an denen, die weniger angepasst, weniger anpassungsfähig oder anpassungsbereit sind: den Fremden, Außenseitern und Verlierern einer Gesellschaft. Im Kern ist es Selbsthass, der die hasserfüllten Vorurteile gegen andere produziert. Verlierer kämpfen gegen Verlierer, und so gelingt es einer ungerechten Gesellschaft, ihre Opfer zu Erfüllungsgehilfen zu machen.

Die heimliche Freude am Verbotenen

Gegen solche Mechanismen hülfe tatsächlich nur eine Revolution, glaubte die Studentenbewegung von 1968, die anfangs ganz im Banne Horkheimers und Adornos stand. Die beiden Philosophen sahen den Ausweg allerdings praktischer. Er müsse an den Schulen beginnen, in denen Kinder ihre ersten bitteren Erfahrungen von Anpassung und Ausgrenzung machten. Vor allem ein Muster gelte es zu durchbrechen, in dem Adorno auch das Urmodell für den nationalsozialistischen Aufstieg sah: Die geistig unterlegenen, aber körperlich überlegenen Schüler, die der Unterricht zu Verlierern mache, errichteten als Schläger auf dem Schulhof eine zweite, inoffizielle Hierarchie, in der sie eine eigene Elite bildeten und sich an den intellektuellen "Strebern" rächten. Wer wollte bestreiten, dass es diesen Schulhof-Faschismus noch heute gibt? Aber unheimlicher als die politischen Parallelen zur Vergangenheit ist die Dialektik von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit, die Adorno hier entfaltet.

Wenn die wahren Machtverhältnisse nicht öffentlich sind (wie auf dem Schulhof), dann werden Wahrheiten überhaupt als etwas gelten, was nur in der Nichtöffentlichkeit existiert. Vor den Lehrern kann man sie nicht ansprechen, von der Schulöffentlichkeit werden sie geleugnet. Das entspricht ziemlich genau dem Konzept, das auch in der Rede von der "Lügenpresse" steckt, mit der AfD und Pegida hausieren gehen: Die Wahrheit ist nicht öffentlich, denn die Öffentlichkeit wird von Lügen beherrscht. Die hasserfüllten Vorurteile müssen das Licht der Öffentlichkeit nicht mehr scheuen, wenn die Öffentlichkeit selbst diskreditiert ist. Im Gegenteil – es wird zum Erkennungszeichen einer Wahrheit, dass sie in der Öffentlichkeit verfemt ist, es ist dann die berühmte "unbequeme Wahrheit", vor der sich Politiker und Journalisten angeblich drücken.

Es gibt auch die heimliche Freude am Verbotenen und an der Überschreitung

Die meisten Soziologen sind sich darin einig, dass die Nichtöffentlichkeit das Biotop ist, in dem diskriminierende Vorurteile am besten gedeihen. Gegenüber einer politisch korrekten Umwelt kann man sie verstecken, es tut Vorurteilen sogar gut, als unterdrückte und verfolgte Ansicht zu gelten. Sie gewinnen dabei einen Doppelcharakter, der auch ihre Vitalität verdoppelt: Sie richten sich einmal nach unten, gegen die Fremden, die sie verachten, und einmal nach oben, gegen die herrschende Klasse, die das Vorurteil zensiert. Der Ausländerfeind wird sich zu seinem Hass doppelt legitimiert fühlen, wenn er seinerseits als Opfer eines Vorurteils auftreten kann – des Vorurteils, das die Mächtigen gegen ihn hegen.

Das hat leider auch eine objektive Berechtigung. Denn tatsächlich beruht die Zuschreibung von Vorurteilen oft ihrerseits auf Vorurteilen: "Weiße Amerikaner sind rassistisch", "Deutsche Kleinbürger sind fremdenfeindlich". Selbst wenn die solchermaßen denunzierte Gruppe die ihr vorgeworfenen Vorurteile tatsächlich hegt, weiß sie doch, dass die Denunziation ihrerseits auf einem Vorurteil beruht, und kann sie deshalb zurückweisen. In der ganzen Vorurteilsdiskussion ist ein Relativismus eingebaut, der ihr nicht guttut oder jedenfalls nicht zu einer Befreiung von Vorurteilen beiträgt. Vorurteilen erster Ordnung (gegenüber Politikern, Journalisten, Fremden) stehen Vorurteile zweiter Ordnung gegenüber, nämlich gegenüber Menschen, die diese Vorurteile hegen. Allein schon die Rede über Vorurteile erzeugt einen Anschein von Objektivität, den es in Wahrheit nicht gibt, und das gilt auch für diesen Zeitungsaufsatz.

Das Dilemma lässt sich auf den Satz herunterbrechen: Niemand findet Vorurteile gut, aber alle haben welche. Der Ausweg steckt aber auch schon in dem Satz, man muss ihn bloß umdrehen: Alle haben Vorurteile, aber niemand findet sie gut. Nimmt man sich das zu Herzen, könnte man sich vielleicht auf diese Maxime einigen: Formuliere und verwende niemals ein Vorurteil, von dem du selbst nicht betroffen sein willst. Damit hätte man immerhin harmlose Dummheiten wie "Dicke sind lebenslustig" von den tödlichen und hetzerischen Vorurteilen geschieden.

Aber selbstverständlich ist damit nichts gegen die Lust am Vorurteil getan, gegen die heimliche Freude am Verbotenen, an der Überschreitung, die in Wahrheit jeder spürt. Niemand gebraucht Vorurteile unschuldig – und darin liegt natürlich gerade der Reiz: in der Aggression. Und ebenso natürlich ist das Vorurteil eine Waffe, die umso zögerlicher aus der Hand gegeben wird, je bedrohter eine Gruppe sich fühlt. Zu Unrecht wird oft der Anschein erweckt, als hegten vor allem Mehrheiten Vorurteile gegen Minderheiten. Aber unter demokratischen Bedingungen kann es sich oft gerade die Mehrheit leisten, neutral und indifferent aufzutreten. Es sind die Minderheiten, die sich mit Vorurteilen gegen die Mehrheit artikulieren, und was sie damit bewegen können, haben wir in den Kämpfen um Anerkennung von Randgruppen in den letzten Jahren erlebt. Alle Inklusions- und Integrations- und Antidiskriminierungsdebatten wurden mit Vorurteilen gegen die weiße, heterosexuelle, männliche und nicht behinderte Mehrheit geführt.

Insofern spricht nichts dafür, dass Vorurteile in toto zum Welken oder gar zum Verschwinden gebracht werden können. Aber es kann nicht schaden, über ihre unverzichtbaren wie fatalen Eigenschaften nachzudenken. Ein gewisses Maß an Bewusstheit hilft immer.