So ärgerlich dieses Verfahren, so aufschlussreich: Meistens werden Vorurteile bloß durch andere Vorurteile bekämpft – durch Überbietung wie in diesem Fall oder durch Propagierung eines entgegengesetzten Vorurteils, wie es denn auch von muslimischer Seite sogleich geschah. Die Kölner Mädchen hätten mit Alkohol und Reizen nicht gegeizt und damit zweifellos auf die Begierde der Männer gezielt. Der unzureichend verhüllte Frauenkörper bediene nun einmal ein Reiz-Reaktions-Schema, das in der Natur angelegt sei.

Dass solch ein Gladiatorenkampf der dümmsten Vorurteile überhaupt aufgeführt werden kann, hat damit zu tun, dass schon unser harmloser Alltag von tausend Vorurteilen durchzogen ist – und ohne diese auch nicht zu bewältigen wäre. Wir können schlechterdings nicht alles, worauf wir unser Verhalten gründen, einer empirischen Überprüfung unterziehen. Wir gehen davon aus, dass Ampelschaltungen korrekt funktionieren und der Arzt bei seiner Diagnose keine Krankheiten erfindet (höchstens überflüssige Therapien). Wir glauben auch zu wissen, dass Teppichhändler Fantasiepreise nennen und wir bei Reisen mit der Deutschen Bahn einen Unsicherheitsfaktor von ein, zwei Stunden einplanen sollten.

Wir sind an den Umgang mit Vorurteilen derart gewöhnt, dass wir sie kaum mehr als solche wahrnehmen. Auch der Aufwand, den Unternehmen mit dem Aufbau und der Pflege von Marken betreiben, beruht darauf. Wir übertragen ungeprüft das positive Erlebnis mit einem Mercedes-Modell aufs nächste, und das ganze heilige Brimborium, das die Firma in ihren Werkstätten entfaltet, dient nur dazu, unser Gefühl von Sicherheit, Ruhe und Außenweltdämpfung, das die Fahrzeuge im besten Fall vermitteln, ins Atmosphärische zu verlängern und als Identität zu behaupten.

Dass hier keinerlei sachliche Einsicht waltet, zeigt schon der geringe Einfluss, den schleichende Produktverschlechterungen auf unser positives Vorurteil haben, während kleine Neuerungen, die an der Markenidentität kratzen, uns zutiefst verunsichern. Wenig hat Alfa Romeo so sehr geschadet wie die Entscheidung, das Zündschloss von der linken auf die rechte Seite des Lenkrads zu verlegen. Das Ende dieser kleinen Extravaganz, die bis dahin alle übrigen Extravaganzen, die sich die Marke leistete (durstig, teuer, unzuverlässig), entschuldigt hatte, beendete auch die Nachsicht der Fans. Fortan wurde nichts mehr entschuldigt.

Man kann das Spiel, das die Marketingstrategen der Industrie mit unserer Vorurteilsgeneigtheit treiben, gut mit dem erklären, was die Sozialpsychologie eine "implizite Persönlichkeitstheorie" nennt. Marken werden ähnlich wie Menschen als Persönlichkeiten erlebt, und über die Persönlichkeit entwickelt der Kunde unbewusst eine Theorie, die besagt: Wer die Eigenschaft a hat, wird gewiss auch die Eigenschaften b und c haben. So kommt es zu der Annahme, dass ein sicheres Auto gewiss auch zuverlässig und umweltfreundlich sein werde – obwohl ein solcher Zusammenhang keineswegs technisch besteht, sondern nur in unserer Vorstellung. Er beruht auf den gleichen Charakterstereotypen, die in der Alltagspsychologie weitverbreitet sind und beispielsweise dazu verleiten, gesprächige Menschen für freundlich, schüchterne Menschen für ängstlich, Verlierer für gutmütig zu halten.

Freilich gibt es im Alltag auch fließende Übergänge zwischen schon erhärteten Vorurteilen (den Stereotypen) und den bloß voreilenden Urteilen, die sich durch Erfahrung noch verformen lassen. Das fast schon auskristallisierte Vorurteil über die Solidität von Volkswagen konnte sich unter dem Eindruck der haarsträubenden Abgasmanipulationen noch einmal verflüssigen und nahm wieder die Form eines bloß voreilenden Urteils an – das nun allerdings widerlegt war.

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat gezeigt, wie der ganze Prozess der Weltaneignung überhaupt nur durch solche voreilenden oder vorläufigen Urteile zustande kommt. Er spricht von einem Vorverständnis, mit dem wir uns den Dingen nähern und das wir bei ihrer Erkundung schrittweise modifizieren, bis es zu der berühmten "Horizontverschmelzung" kommt, die eintritt, wenn der Horizont unserer Vorannahmen mit dem Horizont des Gegenstandes zur Deckung kommt.

Auch wenn Gadamers Modell vornehmlich für das Verstehen von Texten und Kunstwerken entworfen wurde, entspricht es ziemlich genau dem naturwissenschaftlichen Konzept der Hypothese, die auch zunächst einmal gebildet werden muss, um ein Experiment überhaupt starten zu können; von seinem Ausgang hängt freilich ab, ob die Hypothese bestätigt oder widerlegt wird. Als sinnlos gelten deshalb Hypothesen, die durch kein wie immer geartetes Experiment widerlegt werden könnten – und es fällt nicht schwer, in ihnen genau das Muster der sozialen Vorurteile zu erkennen, die gegen jede Erfahrung immun sind. Der antisemitische Satz vom besonderen Geiz der Juden ist nicht durch den Verweis auf geizige Christen zu widerlegen; denn diesen fehlte dann immer noch das "besonders" Geizige. Letztlich wäre der Satz nur zu widerlegen, wenn der Nachweis gelänge, dass es gar keinen geizigen Juden gäbe – dazu müsste man jedoch zunächst alle lebenden oder jemals gelebt habenden Juden versammeln, was unmöglich ist.