Das alles ist gut erforscht und keineswegs ein bloß historischer Befund. Vorurteile, auch wenn sie nur im Reich der Bilder und Sprache zu Hause sind, können brutale Mittel im Konkurrenzkampf sein. Aber Vorsicht: Nicht alles, was Menschen abwertet oder aufwertet, ist ein Vorurteil. Manches ist reine Antipathie, und es ist eine schöne Illusion zu glauben, dass sich alle Abneigungen auflösten, wenn ihnen keine Vorurteile zur Verfügung stünden. Manches ist ein regelrechtes Urteil – nur dass es meist nicht auf Erfahrung beruht, sondern aus einem Prinzip abgeleitet wird. Wer Christen als Ungläubige abwertet, hat kein Vorurteil, sondern urteilt im Sinne des Islam. Erst wenn weitere Zuschreibungen hinzukommen (Sittenlosigkeit, Materialismus), beginnt das Reich der Vorurteile. Auch die Bourgeoisie im Bolschewismus fiel keinen Vorurteilen zum Opfer (das manchmal auch), sondern der marxistischen Theorie.

Wichtig ist die Unterscheidung, um zu begreifen, warum mache Emanzipationsprojekte über einen gewissen Punkt nicht hinauskommen. Auch wer Homosexualität ablehnt, hat nicht unbedingt ein Vorurteil, das sich vielleicht sozialpädagogisch behandeln ließe. Er tut es einfach aus Prinzip oder weil er einer grotesk wörtlichen Auslegung heiliger Schriften folgt. Erst die Begründung könnte Vorurteile enthalten, zum Beispiel wenn Homosexualität als naturwidrig bezeichnet wird oder Homosexuellen irgendwelche missliebigen Eigenschaften (frivol, untreu, enthemmt) angedichtet werden.

Manchmal versuchen sogar die Opfer selbst, dem Vorurteil zu entsprechen

Komplizierter, aber höchst aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen subjektiven Vorurteilen, nämlich solchen, die feindselig gemeint und empfunden sind, und objektiven Vorurteilen, die nicht tendenziös gedacht sind, sich aber später als tendenziös erweisen. Dazu gehören Bewertungen, deren Zeitgebundenheit nicht zu durchschauen ist, weil sie auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhen. Dass diese ihrerseits auf vorurteilsbehafteten Annahmen beruhen können, ist nicht zu erkennen, wenn sie nur zeittypisch genug sind. Erst die historische Perspektive kann zur überraschten Wahrnehmung führen, dass Mitte des vorigen Jahrhunderts noch Babymilch aus dem Fläschchen für mindestens so gesund gehalten wurde wie Muttermilch. Damals war der Schaden noch nicht absehbar, den der massenhafte Import von Babymilchpulver in Länder der Dritten Welt anrichten würde. Vor allem aber fehlte der Natürlichkeitskult, der heute nahelegt, das natürliche Stillen für überlegen zu halten. Damals galt das Fläschchen als modern – hygienisch, standardisiert, medizinisch kontrolliert –, in jeder Hinsicht als überlegen. Was folgt daraus? Jede Zeit hat genau die Vorurteile, die ihrem Lebensgefühl entsprechen, und die Wissenschaft tritt als Dienstmagd dieses Lebensgefühls in Erscheinung.

Erst recht gilt das für die Geschlechterstereotype. Es ist lustig zu sehen, wie die gleichen Vorurteile, die früher über Frauen im Umlauf waren, heute auf Männer projiziert werden – dass sie triebhaft, treulos, instinktgesteuert und schwer erziehbar seien. Und selbstverständlich hat die Wissenschaft dabei heute wie ehedem bereitwillig mitgewirkt. Wenn sie früher nachzuweisen versucht hat, dass die Frauen noch einem ungezähmten Naturzustand näher stünden, so sieht sie jetzt im Mann das unzureichend zivilisierte, archaische Wesen. Übrigens beweisen die Geschlechterstereotype auch die trübste aller Vorurteilswirkungen: die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Bei Frauen hat man von erlernter Hilflosigkeit gesprochen: Nachdem man ihnen lange genug eingeredet hat, nicht einparken und keine Zündkerzen wechseln zu können, wurden sie tatsächlich die hektischen Autofahrerinnen und technischen Analphabeten, die man in ihnen sehen wollte.

Bevor man sich lange und fruchtlos über Vorurteile aufregt, sollte man allerdings fragen, wem sie nützen und wem sie schaden sollten. Die patriarchalische Gesellschaft hatte ein natürliches Interesse an der unmündigen Frau; und ebenso liegt auf der Hand, dass der Feminismus, nachdem er die Gleichberechtigung nicht mehr so recht voranbringt, es nun mit der Abwertung des Mannes versucht.

Das Interesse an einem Vorurteil muss aber nicht immer so durchsichtig sein. Es kann sich ebenso aus dem vorbewussten Zusammenhang einer Kultur oder Lebensform ergeben. Viele wundern sich, dass nicht überall auf der Welt die Mutter als erste und beste Instanz für das Wohl eines Kindes angesehen wird. In Frankreich gelten Erzieherinnen als die bessere Wahl – weil sie die ausgebildeten Experten sind, im Gegensatz zur bloß autodidaktisch vorgehenden Mutter. Das hat mit dem napoleonischen Erziehungssystem zu tun, das die Pädagogik staatlich professionalisierte und sich tief in der Vorstellungswelt der Franzosen verwurzelte.

Die Forschung lehrt, dass Vorurteile aus dem kulturellen Kernbestand sich erst auflösen, wenn die Lebensform zu unlösbaren Widersprüchen führt – wenn sich also im deutschen Fall die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie derart zuspitzte, dass am romantisch übersteigerten Konzept von Mütterlichkeit niemand mehr Interesse hatte. Solange ein Interesse besteht, und sei es nur ein subjektives an seelischer Balance, ist die Bekämpfung von Vorurteilen schwierig. Ulrich Wagner und Tina Farhan, Autoren eines einschlägigen Sammelbandes, geben nicht ohne Ironie zu verstehen, dass es überhaupt nur zwei wirklich aussichtsreiche Ansätze zur Ausrottung eines Vorurteils gebe: "grundlegende Veränderungen der sozialen und politischen Ordnung" oder "individualtherapeutische Interventionen". Beides sei schwer zu meistern. Der Gesellschaftsumsturz übersteige den "Rahmen der Möglichkeiten von Präventionsprogrammen", und die individuelle Therapie sei "extrem kostenintensiv" – was man sich allein schon angesichts der Zahl von Leuten, die man auf die Couch legen müsste, leicht vorstellen kann.

Die Vermutung, fremdenfeindliche Vorurteile hätten ihren Nährboden in einer bestimmten Gesellschaftsform und könnten nur mit ihr zusammen beseitigt werden, geht auf die berühmte Theorie vom "autoritären Charakter" zurück, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Mitte des vorigen Jahrhunderts in den USA entwickelt haben. Der autoritäre Charakter ist gleichzeitig autoritätshörig und autoritär, er gibt die Unterdrückung, die er erfahren hat, an andere weiter. Für die Anpassungsleistung, die er erbringen muss, rächt er sich an denen, die weniger angepasst, weniger anpassungsfähig oder anpassungsbereit sind: den Fremden, Außenseitern und Verlierern einer Gesellschaft. Im Kern ist es Selbsthass, der die hasserfüllten Vorurteile gegen andere produziert. Verlierer kämpfen gegen Verlierer, und so gelingt es einer ungerechten Gesellschaft, ihre Opfer zu Erfüllungsgehilfen zu machen.