Gegen solche Mechanismen hülfe tatsächlich nur eine Revolution, glaubte die Studentenbewegung von 1968, die anfangs ganz im Banne Horkheimers und Adornos stand. Die beiden Philosophen sahen den Ausweg allerdings praktischer. Er müsse an den Schulen beginnen, in denen Kinder ihre ersten bitteren Erfahrungen von Anpassung und Ausgrenzung machten. Vor allem ein Muster gelte es zu durchbrechen, in dem Adorno auch das Urmodell für den nationalsozialistischen Aufstieg sah: Die geistig unterlegenen, aber körperlich überlegenen Schüler, die der Unterricht zu Verlierern mache, errichteten als Schläger auf dem Schulhof eine zweite, inoffizielle Hierarchie, in der sie eine eigene Elite bildeten und sich an den intellektuellen "Strebern" rächten. Wer wollte bestreiten, dass es diesen Schulhof-Faschismus noch heute gibt? Aber unheimlicher als die politischen Parallelen zur Vergangenheit ist die Dialektik von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit, die Adorno hier entfaltet.

Wenn die wahren Machtverhältnisse nicht öffentlich sind (wie auf dem Schulhof), dann werden Wahrheiten überhaupt als etwas gelten, was nur in der Nichtöffentlichkeit existiert. Vor den Lehrern kann man sie nicht ansprechen, von der Schulöffentlichkeit werden sie geleugnet. Das entspricht ziemlich genau dem Konzept, das auch in der Rede von der "Lügenpresse" steckt, mit der AfD und Pegida hausieren gehen: Die Wahrheit ist nicht öffentlich, denn die Öffentlichkeit wird von Lügen beherrscht. Die hasserfüllten Vorurteile müssen das Licht der Öffentlichkeit nicht mehr scheuen, wenn die Öffentlichkeit selbst diskreditiert ist. Im Gegenteil – es wird zum Erkennungszeichen einer Wahrheit, dass sie in der Öffentlichkeit verfemt ist, es ist dann die berühmte "unbequeme Wahrheit", vor der sich Politiker und Journalisten angeblich drücken.

Es gibt auch die heimliche Freude am Verbotenen und an der Überschreitung

Die meisten Soziologen sind sich darin einig, dass die Nichtöffentlichkeit das Biotop ist, in dem diskriminierende Vorurteile am besten gedeihen. Gegenüber einer politisch korrekten Umwelt kann man sie verstecken, es tut Vorurteilen sogar gut, als unterdrückte und verfolgte Ansicht zu gelten. Sie gewinnen dabei einen Doppelcharakter, der auch ihre Vitalität verdoppelt: Sie richten sich einmal nach unten, gegen die Fremden, die sie verachten, und einmal nach oben, gegen die herrschende Klasse, die das Vorurteil zensiert. Der Ausländerfeind wird sich zu seinem Hass doppelt legitimiert fühlen, wenn er seinerseits als Opfer eines Vorurteils auftreten kann – des Vorurteils, das die Mächtigen gegen ihn hegen.

Das hat leider auch eine objektive Berechtigung. Denn tatsächlich beruht die Zuschreibung von Vorurteilen oft ihrerseits auf Vorurteilen: "Weiße Amerikaner sind rassistisch", "Deutsche Kleinbürger sind fremdenfeindlich". Selbst wenn die solchermaßen denunzierte Gruppe die ihr vorgeworfenen Vorurteile tatsächlich hegt, weiß sie doch, dass die Denunziation ihrerseits auf einem Vorurteil beruht, und kann sie deshalb zurückweisen. In der ganzen Vorurteilsdiskussion ist ein Relativismus eingebaut, der ihr nicht guttut oder jedenfalls nicht zu einer Befreiung von Vorurteilen beiträgt. Vorurteilen erster Ordnung (gegenüber Politikern, Journalisten, Fremden) stehen Vorurteile zweiter Ordnung gegenüber, nämlich gegenüber Menschen, die diese Vorurteile hegen. Allein schon die Rede über Vorurteile erzeugt einen Anschein von Objektivität, den es in Wahrheit nicht gibt, und das gilt auch für diesen Zeitungsaufsatz.

Das Dilemma lässt sich auf den Satz herunterbrechen: Niemand findet Vorurteile gut, aber alle haben welche. Der Ausweg steckt aber auch schon in dem Satz, man muss ihn bloß umdrehen: Alle haben Vorurteile, aber niemand findet sie gut. Nimmt man sich das zu Herzen, könnte man sich vielleicht auf diese Maxime einigen: Formuliere und verwende niemals ein Vorurteil, von dem du selbst nicht betroffen sein willst. Damit hätte man immerhin harmlose Dummheiten wie "Dicke sind lebenslustig" von den tödlichen und hetzerischen Vorurteilen geschieden.

Aber selbstverständlich ist damit nichts gegen die Lust am Vorurteil getan, gegen die heimliche Freude am Verbotenen, an der Überschreitung, die in Wahrheit jeder spürt. Niemand gebraucht Vorurteile unschuldig – und darin liegt natürlich gerade der Reiz: in der Aggression. Und ebenso natürlich ist das Vorurteil eine Waffe, die umso zögerlicher aus der Hand gegeben wird, je bedrohter eine Gruppe sich fühlt. Zu Unrecht wird oft der Anschein erweckt, als hegten vor allem Mehrheiten Vorurteile gegen Minderheiten. Aber unter demokratischen Bedingungen kann es sich oft gerade die Mehrheit leisten, neutral und indifferent aufzutreten. Es sind die Minderheiten, die sich mit Vorurteilen gegen die Mehrheit artikulieren, und was sie damit bewegen können, haben wir in den Kämpfen um Anerkennung von Randgruppen in den letzten Jahren erlebt. Alle Inklusions- und Integrations- und Antidiskriminierungsdebatten wurden mit Vorurteilen gegen die weiße, heterosexuelle, männliche und nicht behinderte Mehrheit geführt.

Insofern spricht nichts dafür, dass Vorurteile in toto zum Welken oder gar zum Verschwinden gebracht werden können. Aber es kann nicht schaden, über ihre unverzichtbaren wie fatalen Eigenschaften nachzudenken. Ein gewisses Maß an Bewusstheit hilft immer.