Ich wurde bestimmt hundert Mal gefragt: Wie war das, als das World Trade Center einstürzte? Wie hast du dich dabei gefühlt? Am 11. September 2001 hatte ich gerade meinen Job begonnen, genauer: Es war mein elfter Arbeitstag. Das ZEIT-Büro lag damals an der Church Street in Downtown Manhattan, nur wenige Häuserblocks von den Zwillingstürmen entfernt. Deshalb gehörte ich zu den Journalisten, die den Massenmord mit eigenen Augen erlebt haben.

Die Sache mit dem Gefühl kann ich aber nicht beantworten. Ich habe mich nicht "irgendwie" gefühlt. Ich hatte keine Gefühle, mindestens drei Tage lang. Der Mensch hat die Fähigkeit, gewaltige Schrecken zu verdrängen und zu vergraben. Bei 3.000 Todesopfern kommt es auf die Empfindungen eines Journalisten auch nicht an.

An jenem 11. September hatte ich die ganze Nacht hindurch – Amerikathemen gingen mir da noch schwer von der Hand – einen Beitrag über Microsoft geschrieben. Kurz vor acht brummte ein Flugzeug sehr laut und sehr schräg über das ZEIT-Büro hinweg. "Das wird doch nicht in ein Haus stürzen", dachte ich beunruhigt, da hörte ich schon den Knall, sah durch mein Fenster ein gewaltiges Loch im World Trade Center.

Es gibt Momente, da geschehen Dinge, die den Verstand übersteigen. Ich griff meinen Rucksack, zwei Handys, einen Schreibblock und ging auf die Straße. An einem Kiosk spekulierten Männer darüber, dass es ein Terroranschlag gewesen sein könnte. Hysterische Amis, dachte ich.

Den Zusammenbruch der Twin Towers habe ich gut in Erinnerung, das Klack-Klack-Klack der aufeinander herabstürzenden Stockwerke, das Herabrieseln von Glasscherben im glühenden Sonnenlicht. Ich erinnere mich an keine stürzenden oder springenden Menschen, obwohl ich eigentlich welche hätte sehen müssen. Ich spürte eine Druckwelle, dann quoll die Staubwolke des Zusammenbruchs wie eine Lawine durch die Straßen. Alle rannten und hielten sich Jacken vors Gesicht. Ich sprach mit flüchtenden Finanzmarktangestellten, die aussahen, als kämen sie aus einem Betonwerk, und schüttelte mir selber Kalk aus den Haaren. Ich interviewte Notärzte, die machtlos herumstanden, und Blutspender, die in langen Schlangen vor den Krankenhäusern warteten. Da war noch niemandem klar, dass Blut und Ärzte nicht gebraucht würden, weil keiner, der beim Einsturz des Gebäudes drinnen war, die Katastrophe überlebt hatte.

Was am 11. September wirklich passiert war, ließ ich erst Tage später an mich heran. Da war unser Dossier Das amerikanische Inferno schon erschienen. Den gleichzeitigen Tod von 3.000 Menschen kann wohl niemand mitempfinden, aber die Schicksale durchaus, die in den improvisierten Vermisstenanzeigen an Laternen und Zäunen sichtbar wurden. Die Zettel waren hastig fotokopiert, sie trugen Fotos der Opfer. Man las Namen und die sorgenvollen Texte von Kollegen, Ehepartnern, Kindern.

In jenen Tagen sah man Menschen, die einander heulend in den Armen lagen, weil sie sich verloren geglaubt und doch wiedergefunden hatten. Solche Wiedersehen wurden täglich seltener. Auf dem Fußboden einer Privatwohnung in Midtown, zwischen Bankern von Merrill Lynch und halb leeren Pizzaschachteln, tauschte man die Namen vermisster Kollegen aus und blickte stumpf in einen Fernseher. Die Nachrichten zeigten den Einsturz der Twin Towers als Endlosschleife.

In den ersten Tagen haben viele Leute sehr viel geredet, beruflich und privat. Doch es gab nur ein Gesprächsthema – den Terroranschlag. Das waren technische Diskussionen, von allen Seiten detailbesessen und besserwisserisch geführt. In welchem Winkel trafen die Flugzeuge auf die Türme? Welche Qualität mochten die verbauten Stahlummantelungen wohl gehabt haben? Mit welchen Methoden sicherten Wall-Street-Banken ihre Daten? Wahrscheinlich ging es vielen New Yorkern so, dass sie sich ungern aus jener emotionalen Deckung wagten, die Arbeitseifer und Faktenhuberei einem Menschen geben können.

Die Emotionen kamen später – und unerwartet. Ich erinnere mich an ein Abendessen beim Italiener in Uptown. Eine Gruppe Feuerwehrleute kam herein, Helden der Aufräumarbeiten, und das ganze Lokal sprang auf. Wir gaben Standing Ovations, es hörte gar nicht mehr auf, wir johlten und trampelten, und Tränen des Stolzes und der Rührung rannen unsere Wangen herab.

Thomas Fischermann war von 2001 bis 2006 Korrespondent in New York. Siehe ZEIT Nr. 38/01