Als Jakob Bücking im September 2001 in Halberstadt in Sachsen-Anhalt zur Welt kam, durften sich die Eltern seinen Geburtstag aussuchen. Er kam um 24 Uhr oder 0 Uhr auf die Welt, je nachdem, wie man es sehen wollte. Niemand hatte auf die Uhr geschaut, als die entscheidenden Sekunden verstrichen.

Die Eltern wählten den 5. September, und Jakob meint, sie hätten das getan, "weil an einem 5. jemand gestorben war, den sie kannten, als Andenken". War es die Cousine seines Vaters gewesen? Genau weiß er es jetzt gar nicht, da müsse er noch mal fragen, und er zieht gleich sein Handy hervor.

Nein, lass ruhig, sage ich; das Datum geht auch so in Ordnung. Jakob und ich sitzen an diesem Wintertag ja nur deshalb in der Halberstädter Kaffeerösterei Löper bei Kakao und Kuchen zusammen, weil er an jenem 5. September 2001 geboren wurde, dem Tag, an dem hier in der Burchardi-Kirche das längste Konzert der Welt begann. 639 Jahre soll es dauern, bis zum 4. September 2640.

Zu hören ist Organ 2 /ASLSP, ein Orgelwerk des amerikanischen Komponisten John Cage, das eigentlich nur eine halbe Stunde dauert, in Halberstadt aber mithilfe festgestellter Tasten so verlangsamt wird, dass ein Akkord manchmal jahrelang erklingt, bevor es einen Wechsel gibt und der nächste Ton kommt. Ein Stück, das einen langen Atem hat. Eine Musik für Generationen. In der ZEIT berichte ich seit 14 Jahren darüber und will es weiterhin tun, bis mir der Stift aus der Hand fällt.

Zu Beginn waren viele Leute skeptisch. Was soll der Quatsch? Und das wird doch nie was. Inzwischen ist die Aufführung weltbekannt. Neugierige kommen sogar aus Amerika und Asien her. Jakob war auch schon da, dreimal sogar, einmal, als er klein war, einmal als Grundschüler, und einmal jetzt, mit 14.

"Ich habe gewusst, dass es so lang ist, aber es ist komisch, dass es älter werden wird als ich", sagt er, nachdem wir eine halbe Stunde in der leeren Kirche herumgestanden und gelauscht haben.

Das verwitterte Mauerwerk zeigt die Spuren der Geschichte, vom mittelalterlichen Kloster über die Tage Napoleons bis hin zum Schweinestall zu Zeiten der DDR. Dazu der aktuelle Klang aus C, Des, Dis, Ais und dem zweigestrichenen E, der Tag und Nacht aus fünf Orgelpfeifen strömt. Das Stück, sagt Jakob, erinnere ihn an etwas Großes in der Natur, an den Brocken im Harz, den er von zu Hause aus sehen kann, oder an die Niagarafälle, die es noch geben wird, wenn es ihn nicht mehr gibt.

Ein unangenehmer Gedanke? "Schon ein bisschen. Es ist nicht so schön, ans Sterben zu denken. Andererseits kann man sich darauf verlassen, dass das Stück weitergeht. Solange es noch spielt, ist alles okay in Halberstadt."

Seit dem Konzertbeginn, in der Spanne seines Lebens, ist die Welt nicht stehen geblieben. Gleich sechs Tage nach seiner Geburt, am 11. September 2001, der Anschlag auf das World Trade Center. Dann der Dritte Golfkrieg, der verheerende Tsunami, der Arabische Frühling, Fukushima, die Euro-Krise, Griechenland, die Krim-Annektion, Syrien ...

Was er von der Zukunft erwartet? "Dass sie gut wird", sagt Jakob. "Meine Eltern sagen, die beste Zeit im Leben ist die Studienzeit. Ich erhoffe mir viel von der Studienzeit." Fünf, sechs Jahre will er irgendwo anders studieren, dann nach Halberstadt zurück "und ein ähnliches Leben führen wie meine Eltern. Haus, Kinder, sesshaft werden. So viel wie möglich erleben und irgendwann zur Ruhe kommen. Ich glaube, das ist der Traum von vielen."

Aber es gibt den neuen Zwist der Supermächte, die Anschläge von Paris, den IS, die Flüchtlinge auch in Halberstadt; im Religionsunterricht haben sie darüber gesprochen. "Da baut sich eine Spannung auf", sagt Jakob. "Früher oder später wird es zum Krieg kommen, leider."

Seine persönliche Glückserwartung und das allgemein drohende Unheil scheinen in seiner Vorstellung irgendwie zu koexistieren. "Uns geht es ja gut, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern."

Den aktuellen Klang im langsamsten Konzert der Welt findet Jakob, der selbst Posaune spielt, übrigens ganz gut. "Es gibt Akkorde, da kann man keine fünf Minuten drinbleiben", sagt er, aber dieser, der sei angenehm fürs Ohr.

Wie es wohl im September 2020 klingen wird, wenn er zu studieren beginnt? Und wie im Jahr 2068, wenn er in Rente geht? Wenn es ihn dann noch gibt, wenn es für ihn dann schon Rente gibt, wenn es die Orgel dann noch gibt, wenn Halberstadt dann noch da ist.

Ulrich Stock ist Reporter. Er schrieb über das Projekt in den Ausgaben der ZEIT Nr. 38/01, 15/03, 28/04, 14/05, 27/05, 46/08, 10/11, 31/11, 36/12, 50/12