Das Zimmermädchen im Hotel in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, wundert sich. Ihr Blick verharrt auf dem Zeug, das wir in ihr Land geschleppt haben. Schutzanzüge, Handschuhe, Plastikbrillen, Desinfektionsmittel, tütenweise Medikamente. All das muss ihr vorkommen wie die Ausstattung eines ganzen Krankenhauses. "You must be doctors", sagt sie. "You come to help."

Wir sind keine Ärzte. Und ob wir gekommen sind, um zu helfen, wissen wir selber nicht genau. Wir trauen uns nicht recht, der jungen Frau zu sagen, dass die Sachen für uns selbst gedacht sind. Wir sind zwei Journalisten, die auf Nummer sicher gehen.

Es ist Ende September 2014, die Ebola-Epidemie ist auf dem Höhepunkt, und wir sind nach Sierra Leone geflogen, mitten hinein in den Notfall, der für uns auch ein Abenteuer ist. Wir haben uns überlegt, der Spur des Virus zu folgen, bis zu seinem Ursprung: Von der Hauptstadt aus, über die Ebola in diesen Tagen grausam herfällt, wollen wir jenen Ort erreichen, an dem alles begann. Der Name des Kaffs ist versteckt in Fachaufsätzen von Forschern. Auf der Karte von Google sieht man einen winzigen Punkt im Hinterland von Guinea. Drum herum sieht man viel Grün.

Wissenschaftsjournalismus spielt oft in Laboren, Arztpraxen, Universitäten; diesmal spielt er in einem der ärmsten Gebiete der Erde. Kaum ein Wissenschaftsreporter lässt sich dort blicken, auch viele Auslandsreporter halten Abstand, diese Krise ist ihnen zu unheimlich. Da ist eine Lücke, und wir haben uns vorgenommen, sie zu schließen

Wir haben uns gründlich vorbereitet auf diese Reise. Ärzte, Helfer und Experten haben uns gesagt: Ja, ihr könnt fahren. Wenn man es vorsichtig angehe, dann sei die Recherche ein Risiko, das man eingehen könne. Wenn.

Unser Hotel gehört noch zur Komfortzone; davor erwartet uns Sullivan, ein lokaler Journalist. Er soll für uns als Stringer arbeiten. Ein Stringer ist eine Art Privatreiseführer. Er organisiert, übersetzt, spricht Menschen an. Der Erfolg vieler Recherchen hängt von ihm ab. Sullivan, Mitte dreißig, wirkt ganz nett und kompetent. Er hat uns ein Auto besorgt, einen müden Geländewagen mit einem Fahrer namens Ali. Das Auto ist wichtig, denn wir müssen mitten in der Regenzeit durch den Dschungel. Ali und das Auto kosten 250 Dollar am Tag, Sullivan findet beide "fantastic". Ali fährt los. Hinter dem Hotel steigt die Straße ein klein wenig an. Rauch hüllt uns ein, der Motor hustet, Sullivan verkündet: "Wir müssen in die Werkstatt."

Einen halben Tag später verlassen wir die Hauptstadt dann doch. Noch sind wir auf geteerten Straßen unterwegs, wir überholen überfüllte Busse und genießen den Luxus der Distanz. Abstand halten, niemandem die Hand schütteln, sich selbst nie ins Gesicht fassen, das sind die Grundregeln hier. Wir verfallen dem Waschzwang und messen uns stündlich die Temperatur. Zum Glück sind wir zu zweit. Das Virus kann überall lauern, da tut es gut, einen Partner dabeizuhaben, dem man vertraut. Reden, Witze machen, seinen Zustand abgleichen, all das hilft gegen die Paranoia.

Besuch in einem Provinzkrankenhaus. Die Ebola-Station: weiße Zelte, Holzbaracken, zwischen denen sich tropische Hitze staut. Sullivan wartet lieber draußen. Man darf nichts anfassen, sich nirgendwo abstützen. Plötzlich wird dem einen von uns schlecht. Er wird grau im Gesicht, schwankt, kippt um. Der andere fängt ihn auf. Kreislaufschwäche. Oder mehr? Die Krankenschwestern blicken skeptisch: "Are you okay?"

Warum tun sich Reporter das an? Unsere Spurensuche ist keine Reise ins Nichts, Forscher haben die Ursprünge der Seuche ausgeleuchtet, ihre Erkenntnisse weisen uns den Weg. Hätten wir Ebolas Geschichte nicht vom Schreibtisch der ZEIT-Redaktion aus recherchieren können? Wo liegen die Vorteile des Vor-Ort-Seins? Diese Fragen haben wir später oft gehört.

In den deutschen Medien gab es in jenen Tagen viel Geschrei zu Ebola. Was wir vermissten, waren Berichte vom Schauplatz der Katastrophe. Unsere Reise ist eine Wette auf die Vorzüge der Anschauung: Wir setzen darauf, dass der Leser einen Bezug zum Drama entwickelt, wenn die Berichterstatter da gewesen sind. Unsere Ressortleiter setzen auch darauf. Sie haben mit der Versicherung verhandelt, die sich weigert, die Kosten zu übernehmen, falls wir ausgeflogen werden müssen. Sie haben geklärt, dass die Redaktion dann bezahlt. Und am Ende haben sie gesagt: Ihr könnt jederzeit umkehren!