Ein Zufall schleuderte mich in das Weltgeschehen. Genauer: ein massiver, schlecht montierter Duschkopf, der dem ZEIT-Korrespondenten in Istanbul auf den Fuß gefallen war. Das war Anfang Januar 2011. Ich wohnte damals in Paris und zog gerade vom 8. ins 15. Arrondissement. Die Möbel waren schon in der neuen Wohnung, meine Frau und ich besuchten am Samstag, dem 8. Januar noch ein Rugby-Match – Rugby ist Volkssport in Frankreich.

Sonntagfrüh, Anruf aus der ZEIT-Redaktion, Hamburg: "Gero, in Tunesien braut sich was zusammen, der zuständige Kollege ist nicht reisefähig." Nicht dass ich Tunesienfachmann gewesen wäre. Ich hatte keine Ahnung von dem Land. Aber Paris–Tunis, das sind bloß anderthalb Flugstunden, und im Land wird außer Arabisch auch Französisch gesprochen. Weshalb ich meiner Frau eröffnete, dass ich sie nun mit den Umzugskartons allein lassen würde.

Am Montag flog ich los und landete rechtzeitig zum Auftakt dessen, was wir später den Arabischen Frühling nennen sollten: Aus einer Unruhe entstand eine Revolution, ein Flächenbrand, Diktatoren stürzten, Staaten brachen zusammen, es folgten Massaker und Kriege und schließlich eine Massenflucht über das Mittelmeer und über die Landroute nach Deutschland.

Ich musste das Land erst kennenlernen. Und auch es selbst lernte sich erst richtig kennen, so sind Revolutionen. Es erfuhr jeden Tag Neues über sich, Ungeheuerliches, Abgründiges, auch Schönes. Was für mich seit je ein Faszinosum der Geschichte war, anziehend und abstoßend zugleich – die Revolution! –, lernte ich aus nächster Nähe kennen.

Damals war der Diktator Ben Ali in Tunis noch an der Macht. Schwarze Lederjacken überall: Zivilpolizei. Das war für mich nichts völlig Ungewohntes. Auch nicht die Tränengasattacken der Polizei, die panisch rennenden Menschenmassen – all das kannte ich: aus der 68er-Zeit in Deutschland und ebenso von den jüngsten Krawallen in Paris. Doch dann, in einer Seitenstraße, ich begleite ein paar Jugendliche, sie singen die Nationalhymne, fallen scharfe Schüsse. Die habe ich zuletzt vor fast 30 Jahren gehört, in Afghanistan. Zwei Geschäfte lassen die Rollos herab, ich flitze knapp unter einem durch. Und bin beim Friseur. Der begrüßt mich freundlich, wir trinken Tee. Er bietet mir einen Haarschnitt an.

Wenige Tage später stürzt der Diktator. Ein neuer Geschichtsabschnitt beginnt. Ich habe oft über ihn geschrieben. In meinem Kopf ist er vor allem als Bildergalerie präsent:

Eine Barrikade wie ein Readymade, errichtet aus Möbeln, einer Klobrille, einem Auspuff – sie erinnert mich an die Barrikaden von Paris, wie sie Victor Hugo beschrieb.

Der Blick aus dem Hotelzimmer in die Abenddämmerung; Muezzine singen, vereinzelt fallen Schüsse. Ich habe eine Nottasche gepackt, es heißt, konterrevolutionäre Banden suchten nach Journalisten.

Jugendliche, die mit ihren Smartphones die Polizei filmen, und mir zuckt Lenins berühmte Formel für den Machtkampf durch den Kopf: "Wer wen" – wer dominiert wen?