Draußen: Dauerhelle. Graues Licht, immer gleich. Hinter den Wolken wandert die Sonne ohne Untergang, kein Land in Sicht, kein Schiff am Horizont, keine Ahnung, wie schnell, wie weit, nur Wasser und Eis.

Es war meine längste Reise im Dienste der ZEIT: ein Monat an Bord des Forschungsschiffs Polarstern in der Arktis. Vordergründig ging es um Strömungen, den Klimawandel, um Plankton und Wale. In Wirklichkeit war es eine Expedition in die Wahrnehmung der Zeit.

Drinnen: Alltagstakt. 7.30 Uhr Frühstück, 11.30 Uhr Mittagessen, 15.30 Uhr Kaffee, 17.30 Uhr Abendessen. Freitags Fisch, samstags Eintopf, sonntags Braten und Servietten. Montag und Donnerstag: Frauensauna und Schokoladenverkauf im Bordkiosk. Dienstag und Freitag: Männersauna und am Kiosk Bier. Zeitrasen.

Wie lang ist ein Monat? Wie lang ein Jahr? Und was sind 70 Jahre? Solche Gedanken machen sich breit im ewigen Eis.

Eine Sekunde entspricht der 9.192.631.770-fachen Periodendauer einer Resonanzfrequenz des Cäsium-Atoms. Diese Definition gilt überall und immer. Aber wieso erscheint uns ein Bürotag unendlich, ein Tag auf Reisen hingegen kurz wie ein Wimpernschlag? Und warum ist es im Rückblick umgekehrt, warum schnurrt da das Einerlei des Alltags zum Nichts zusammen, und es dehnt sich der Ausnahmetag? Unsere Zeitwahrnehmung, das weiß die Wissenschaft, ist nur Gefühl. Deshalb schwer zu fassen und leicht zu beeinflussen.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Ein Organ, das die Zeit messen könnte, haben wir nicht; deshalb bastelt sich das Hirn aus der Veränderung, aus der Bewegung eine Formel für die Zeit. Wenn viel geschieht – besonders wenn es Neues ist und wenn Gefühle im Spiel sind –, scheint die Zeit zu fliegen: bei einer neuen Liebe, aber auch in Situationen höchster Gefahr und generell in den ersten 20, 30 Jahren unseres Lebens (der erste Geburtstagskuchen, der erste Schultag, der erste Sprung vom Dreimeterbrett, der erste Kuss, der erste Job, das erste Kind). In der Rückschau erscheint uns genau diese Zeit lang, weil so vieles zum ersten Mal geschehen ist. Wenn sich so viele neue Eindrücke ansammeln konnten, folgert unser Hirn, muss auch viel Zeit vergangen sein. Und andersherum: Wenn sich nichts tut, wird uns die kleinste Weile zur Ewigkeit, die Zeit bleiern. Im Rückblick aber schrumpfen diese ereignislosen Tage und Jahre zusammen. Unser Hirn meint, dass nur wenig Zeit vergangen sein kann – es gibt kaum etwas zu erinnern.

Erlebnisse takten unser Empfinden im Moment, Erinnerungen unsere Rückschau. Deshalb haben viele Menschen den Eindruck, die Zeit rase immer schneller, je älter sie werden: Sie erleben einfach nicht mehr viel Neues.