Sieht so ein Bürgerschreck aus? Was über Arundhati Roy geschrieben wurde, kommt mir absurd vor, als sie ihre Haustür im Zentrum Neu-Delhis öffnet: Ein cremefarbener Rock umspielt ihre zarte Gestalt. Das schwarze Haar ist kürzer als erwartet, Kajalschatten lassen die dunklen Augen glänzen. Indiens berühmteste Schriftstellerin lächelt: "Tee?" Barfuß holt sie die Kanne, hockt sich auf ein Sitzkissen – und legt los.

Die 300 Millionen zu Wohlstand gekommenen Inder ließen es geschehen, dass ihr Land an private Konzerne "ausverkauft" werde, empört sich die Autorin an jenem Augusttag 2006 mit zarter Stimme. Berauscht von Boutiquen und Supermärkten, stimmten sie kritiklos ein in den "Gesang von der indischen Supermacht". Von der eigenen Kultur aber werde nichts bleiben.

Kein Wunder, dass die Mittelschicht das nicht hören mag, denke ich. Die 46-Jährige fährt fort: "Die indische Mischung aus Neoliberalismus und Feudalismus ist grauenvoll." Sie verschärfe die soziale Kälte der Kasten- und Klassengesellschaft: "In manchen Teilen Indiens haben die Menschen weniger zu essen als im südlichen Afrika." Die Fenster stehen offen, der Monsunregen stürzt vom Himmel, ohne zu kühlen.

Oft denke ich an die Begegnung mit der Nestbeschmutzerin zurück; an ihren Ernst. Schon in ihrem Welterfolg Der Gott der kleinen Dinge hatte sie Indien mit seinen verdrängten Seiten konfrontiert. Seither lieh sie ihre Popularität jenen Menschen, die sonst nicht durchdringen. Das Interview führten wir vor der Frankfurter Buchmesse. Indien war Gastland damals – ein Höhepunkt der Aufmerksamkeit für den Subkontinent. In einer Mischung aus Schock und Faszination hatte der Westen entdeckt, dass die Globalisierung neue Wirtschaftsmächte hervorbringt.

Deutsche Medien gerieten ins Indien-Fieber und ersetzten alte Klischees durch neue. Nun war Indien nicht mehr das Reich der heiligen Kühe, sondern das Sehnsuchtsland mit Biotech-Schmieden, zweistelligen Wachstumsraten, Märkten ohne Grenzen, mit Megacitys und Hochhäusern. Wer am Fuße der himmelhohen Glaspaläste lebte, in Zelten aus durchlöcherten Plastikplanen, erfuhr man hingegen selten. Von diesen Menschen erzählte Arundhati Roy. Die Spielverderberin im eigenen Land, die daran erinnerte, dass die Armut noch lange nicht überwunden ist.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Kleiner Rechenfehler, sagte die schöne Dichterin beim Tee: "Während die reiche Klasse wächst, werden auch die anderen mehr – und sie werden vom selben System ihrer Existenzgrundlage beraubt." Die anderen: die einfachen Bauern. Die niedrigen Kasten. Die arbeitslosen Slumbewohner. Die 70 Prozent.

Auch ihnen begegnete ich während meiner Jahre in Indien. Damals war die Asienkorrespondentin ausgeschieden und noch kein Nachfolger gefunden. Ich wurde als Reporterin 2004 in den Parlamentswahlkampf nach Neu-Delhi geschickt. Ein Zufall, ich war keine Indien-Expertin. So lernte ich das Land kennen, das mich schon als Kind fasziniert hatte – wegen seiner unendlichen Vielfalt der Kulturen, Religionen, Landschaften, Sprachen, Düfte.

Dann erlebte ich eine irritierte Nation nach der Wahl: 99 Prozent aller politischen Beobachter hatten die Wiederwahl der Regierungspartei vorausgesagt. Doch sie wurde aus dem Amt gejagt. Wie hatte man sich so irren können?

Arundhati Roy gehörte zu den wenigen, die nicht überrascht waren. Vor unserem Treffen war sie gerade im Bundesstaat Orissa gewesen. Dort würden die Einheimischen von ihrem Land und aus den Wäldern vertrieben, weil Rohstoffe für den Wohlstand der Wenigen gehoben werden sollten: "Es herrschen Zustände wie im Polizeistaat." Kein Wunder, dass dort radikale Maoisten Fuß fassten.

Als heilige Johanna der Flüsse hatte Roy jahrelang an der Seite der Bauern gegen eine gigantische Kette von Staudämmen gekämpft und "unaussprechliche Gewalt und vulgäre Ungleichheit" erlebt. "Jedes große Entwicklungs- und Infrastrukturprojekt, ob Fabrik, Staudamm oder neue Info-Tech-Schmiede, beginnt damit, dass man Menschen Land wegnimmt", sagte sie damals. Die Fehleinschätzung der politischen Klasse sah Roy deshalb bloß als Folge von Realitätsverweigerung: "Wir werden von reinen Ökonomen regiert." Und da war wieder ihr Spott: "Wir wählen doch auch nicht nur reine Klempner oder Marathonläufer."

Heute, da Kriegsflüchtlinge aus Syrien und viele andere aus Not nach Europa fliehen, denke ich oft an Arundhati Roys eindringliche Fragen: "Und was geschieht mit den Allerärmsten, die nicht einmal ein paar Hektar Acker besitzen? Wo sollen die hin?" Die Fragen sind immer noch unbeantwortet.

Christiane Grefe ist Reporterin im Hauptstadtbüro der ZEIT in Berlin und schreibt vor allem über Umwelt- und Wissensthemen. Siehe ZEIT Nr. 35/06