Der Journalist und Schriftsteller Erich Kästner legte sich gern "längelang auf den Fußboden", zählte Tisch- und Stuhlbeine in seiner Stube und dachte nach, bis ihm wieder eine Geschichte "zuflog". Auch Bildredakteure machen ungewöhnliche Sachen. Ich habe zuletzt 163-mal dieselbe Frage in den Telefonhörer gesprochen: "Welches ist Ihr wichtigstes Bild, das in unserer Zeitung publiziert wurde?" Ich hoffte, dass mir mit der Antwort eine Geschichte zufliegen würde.

151 Fotografen, die die ZEIT geprägt haben, schickten mir ihre Fotos – und dazu amüsante, wundersame, traurige Erinnerungen. Einen Teil dieser Bilder und Texte sehen Sie auf diesen Seiten. Die Bilder-Reise führt kreuz und quer durch Politik, Kultur und Gesellschaft. Und tief hinein ins persönliche Leben der Fotografen.

Die Fotografie-Umfrage war ein besonderer Moment meines journalistischen Lebens. Nie zuvor habe ich so klar erkannt, wie stark die Zusammenarbeit der ZEIT und des ZEITmagazins mit Fotografen auf künstlerischer Freiheit beruht. Immer gab es diese unbändige Lust, neuen Talenten eine Chance zu geben. Meine Kollegen, von denen einige längst in Rente sind, haben es geschafft, über Jahrzehnte ein gigantisches Fundament aus Vertrauen, Respekt und Zuneigung zu unseren Fotografen aufzubauen.

Provokante Ideen mussten wir früher, in einer tendenziell bilderfeindlichen ZEIT-Redaktion, oft erkämpfen und verteidigen. Auch heutzutage sind wir enttäuscht, wenn unsere Leser oder Kollegen auf visuelle Experimente ablehnend reagieren. Das kommt zum Glück ziemlich selten vor. Ein Bildredakteur lässt einen bewährten Fotografen nicht fallen, wenn mal etwas schiefgeht oder Geschmacksfragen sich ändern.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Mein Leben bei der ZEIT begann im Mai 1997. Ich wollte den Bildern im Hauptblatt einen Stellenwert geben, wie ihn die Texte dort seit je haben. Robert Leicht, der damalige Chefredakteur, hatte mich nach Hamburg geholt, weil die schreibenden Redakteure dringend eine "richtige" Bildredakteurin wollten. Dies war bei anderen Wochenzeitungen und Magazinen längst üblich. Bei der ZEIT jedoch waren die Layouter nicht nur für die Gestaltung der Seiten zuständig, sondern hatten außerdem für Fotos und Illustrationen zu sorgen. Nur im ZEITmagazin gab es eine Bildredakteurin und einen Art Director, der für das Design verantwortlich war.

Ich bestand darauf, an allen Redaktionskonferenzen teilzunehmen. Das schickte sich damals nicht für eine Bildredakteurin, auch wenn sie ein abgeschlossenes Studium in den Fächern Geschichte und Kommunikationswissenschaften mitbrachte.

Für Marion Gräfin Dönhoff etwa waren Bilder kein Thema. Sie setzte auf die Macht der Worte. Einmal aber zeigte sie mir das Bild eines verhungernden Kindes im Sudan, veröffentlicht in der britischen Zeitung The Guardian. Die Szene hatte sie so sehr berührt, dass sie sofort einen Artikel darüber schrieb.

An der Macht der Bilder zweifelt heute bei der ZEIT keiner mehr. Längst bin ich nicht mehr allein in der Bildredaktion. Zu ihr gehören inzwischen auch: ein Diplom-Psychologe, eine Literaturwissenschaftlerin, eine Filmwissenschaftlerin und gelernte Fotolaborantin, ein Kfz-Mechaniker und Industriekaufmann, zwei Kommunikationsdesignerinnen, vier diplomierte Fotografen und eine Medientechnikerin.