Alles, was ich von der ZEIT vor dem Jahr 2000 erinnere, sind feuilletonistische Essays zu oft esoterischen Bildungsthemen. Dann kam Pisa, und die ZEIT erkannte die Zeichen der Zeit wie kein anderes Medium in Deutschland. Insbesondere in den ersten Jahren nach Pisa hat sie viel zur Gestaltung der empirischen Wende beigetragen, indem sie Politik und Bildungspraxis konsequent mit sachlicher Darstellung und der scharfen Analyse empirischer Befunde begleitet hat. In einem Kontext, in dem Bildungsthemen traditionell ideologisch oder politisch besetzt waren und das Fehlen verlässlicher Daten es jedem erlaubte, eigene Einschätzungen als Tatsachen einzubringen, verfolgte die ZEIT eine in Deutschland gänzlich neue Art der Berichterstattung.

Ich erinnere mich an ein von der ZEIT moderiertes Streitgespräch mit Annette Schavan, bei dem der Redakteur die Ministerin und mich schonungslos mit Fakten konfrontierte mit dem Ziel, auch kontroverse Themen wie die Struktur des deutschen Schulsystems aus den verschiedenen Perspektiven von Bildungspolitik und Wissenschaft zu beleuchten. Am Ende stand ein typisches Produkt der ZEIT, das ohne Ansehen von Person und Funktion auf die Substanz zentraler bildungspolitischer Fragestellungen abzielte.

Selten kam die ZEIT als Erstes zu Wort, zumindest hat es keinen OECD-Bericht gegeben, der an einem Donnerstag vorab veröffentlicht wurde. Diesen Nachteil hat die ZEIT in eine Stärke verwandelt und hatte auf diese Weise oft das letzte Wort. Für Deutschland ist es wichtig, sich auf sorgfältige Analysen sowie eine sachliche und verständliche Darstellung komplexer Befunde verlassen zu können. Bildungsjournalismus ist ja keine deutsche Erfindung, in Ländern wie Großbritannien ist er seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Aber mit der ZEIT ist Deutschland auch in diesem Bereich international gut etabliert.

Andreas Schleicher leitet bei der OECD die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung