Ich darf nicht in den Raum, keiner darf da rein, der nicht zu Charlie Hebdo gehört. Also warte ich vor der Tür. Einen Tag. Zwei Tage. Drei Tage. Mit einer Handvoll anderer Journalisten von Le Monde, New York Times, La Repubblica – und zwei Handvoll bewaffneten Personenschützern, in deren Ohren spiralförmige Kabel stecken.

Es sind die Tage nach dem Attentat auf Charlie Hebdo, und wir Journalisten beobachten die Rumpfmannschaft des Satiremagazins, wie sie die "Ausgabe der Überlebenden" produziert: die erste Nummer nach dem Mord an den Kollegen. Hinter der Tür, vor der ich sitze, im obersten Stockwerk der Tageszeitung Libération, wo die Charlie-Leute Unterschlupf gefunden haben, ist jetzt das Zentrum des Weltgeschehens.

Bei Recherchen lernt man Menschen kennen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man später an die Zeit zurückdenkt. Menschen, mit denen man Stunden über Stunden verbringt, zu denen man Nähe entwickelt. Oft tauchen sie im Text gar nicht auf, oder nur zwischen den Zeilen, mit einem Gedanken, den man sich von ihnen geborgt hat, einer Idee, auf die sie einen gebracht haben, einem Detail, auf das man durch sie gestoßen ist. Manchmal hat man als Autor ein schlechtes Gewissen, weil man von diesen Menschen profitiert, ihnen aber im Gegensatz zu den Protagonisten des Textes keine Stimme verleiht. Es sind Menschen, die sich als Helden einer Geschichte eignen würden, denen diese Ehre aber nie zuteilwird. Manchmal sind es sogar Helden im Wortsinn. An solche Helden muss ich denken, wenn ich mich an jene Tage im Januar 2015 erinnere.

Die Personenschützer sind dazu da, die Charlie-Mitarbeiter auch vor uns zu schützen. Die Autoren wollen mit der "Ausgabe der Überlebenden" beweisen, dass man Menschen töten kann, nicht aber Worte und Bilder. Indem wir darüber berichten, tragen wir ihre Botschaft in die Welt, sind Verbündete von Charlie Hebdo. Gleichzeitig ist unsere Anwesenheit eine Zumutung für die Redakteure, die ihre Kollegen und Freunde verloren haben.

Manche von denen, die wir ansprechen, wenn sie aus der Tür treten, gehen grußlos an uns vorbei. Andere gucken ratlos, ängstlich. Wieder andere sagen: Vielleicht später. Manchmal gibt jemand eine Erklärung ab: wie viele Seiten sie planen, in wie viele Sprachen die Ausgabe übersetzt werden soll. Ab und zu wird jemand rausgetragen, der ohnmächtig geworden ist. Zwischendrin rauscht der Premierminister mit Gefolge heran. In Wellen kommen Pulks von Journalisten, bald sind die meisten wieder weg, es bleibt: das versprengte Trüppchen vor der Tür.

Wir beobachten die Überlebenden, wie sie sich in den Armen liegen, telefonieren mit unseren Redaktionen, lesen auf unseren Smartphones die Nachrichten von neuen Opfern. Wir schweigen uns mit den Personenschützern an.

Wenn wir aus den Fenstern schauen, sehen wir das steinerne Meer der Stadt, deren Schönheit in diesen Momenten fast schmerzt. Die Kirche Sacré-Cœur, der Eiffelturm. Man könnte den Blick atemberaubend nennen, aber den Atem raubt mir jetzt vor allem die Vorstellung, dass irgendwo da unten immer noch die Attentäter unterwegs sind. Man hält alles für möglich, auch, dass sie in den nächsten Minuten hier hochgestürmt kommen.

Eine klaustrophobische Situation.