Wie dieses ZEITmagazin zu mir gelangte, weiß ich nicht mehr. Doch lag es im Spätsommer 1989 auf meinem Zimmerfußboden in unserer Ostberliner Wohnung. Ich war damals 16. Und West-Zeitungen waren verboten, also eine Seltenheit – die, wenn man sie überhaupt bekam, mehrmals und von vielen gelesen wurden. Die Ausgabe stammte vom August 1988, die Seiten abgegriffen, die Fotos verblichen.

Meine Freundin und ich saßen auf dem Sofa und blätterten. Im Magazin tauchten Fotos von Jungs und Mädchen in unserem Alter auf, die in Schlafsäcken auf Zugböden halb unter den Sitzen dösten, daneben riesige Rucksäcke, abgewetzte Turnschuhe und überdimensionierte Kassettenrekorder. Sie standen auch mit schwerem Gepäck vor einem südlichen Bahnhof, in den Händen Landkarten, und schliefen auf Isomatten an Stränden. Die Überschrift klingt heute seltsam: Wenn die total abgezockten Freaks durch die Pampa südwärts rattern. Damals fanden wir das exotisch. Es folgte ein sieben Seiten langer Text über Interrail, das Reisen per Spezialticket, mit dem unter 26-Jährige einen Monat lang durch ganz Europa fahren konnten. Das hieß, wenn man auf der richtigen Seite der Welt lebte. Wir also nicht.

Meine Freundin und ich waren in jenem Sommer gerade aus Bulgarien zurückgekehrt. Auch wir hatten in Zügen und auf Bahnhöfen geschlafen und dabei jene Spezies Westeuropäer kennengelernt, die den Osten damals spannend fanden. Im Gegensatz zu uns – wir konnten uns am morbiden Charme des Sozialismus nicht ergötzen, wir beobachteten seinen Untergang. Besonders eine Gruppe Österreicher, die wir in Sofia getroffen hatten, hatte sich uns eingeprägt. In einem Café hatten sie uns ihre Interrailtickets gezeigt: Für 420 D-Mark konnten sie bis nach Marokko reisen. Auf der Rückseite war die Europakarte abgebildet. Alle Länder, in die sie fahren konnten, waren blau gefärbt. Fast alles war blau. Nur unsere Länder, der Ostblock, waren weiß.

In den Läden Sofias gab es damals bloß Weißbrot und Sonnenblumenöl, und auch das nur nach langem Anstehen. Die Sonne brannte, und es war, als läge das Ende des Systems in der Luft und drücke die Stimmung. Eine Art kollektive Melancholie ergriff alle. Die Österreicher wollten weg und deuteten auf ihr nächstes Ziel: Istanbul. Für meine Freundin und mich hörte die Welt in Bulgarien auf. Das beschreibt unser Gefühl damals: Abgehängt vom Weltgeschehen, lebten wir im Niemandsland. Unsere Mitbürger flohen in den Westen. Gorbatschows Perestroika gab es, aber nicht in der DDR.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Von Fernweh gepeinigt, hockten wir also nun auf meinem Ostberliner Sofa. Freunde waren in den Westen abgehauen, überall standen Wohnungen leer, unsere altersschwache Regierung wurstelte einfach weiter. Und bald sollte die letzte Grenze, die zur Tschechoslowakei, wohin wir noch ohne Visum einreisen durften, auch noch geschlossen werden. In dieser Stimmung lasen wir die Interrail-Geschichte im ZEITmagazin. Eine junge Frau – die Namen der Autoren haben mich damals noch nicht interessiert – schrieb über ihre Zugfahrt durch Europa. "Der Reiz der Reise ist die unbestimmte Erwartung, mit der die Eisenbahnkinder fremden Welten entgegenrattern." Und: "Man hängt nachts im Klo, weil sonst im ganzen Zug kein Platz ist, und denkt: Afrika, Casablanca."

Sie erzählte von Partys am Strand, Joints im Abteil, der Überfahrt nach Tanger, Marokko. Wir lasen uns die Passagen gegenseitig laut vor: "Der Zug ist dicht besetzt. Auf den Gängen ist kein Durchkommen mehr: Ein paar Interrailer haben sich auf ihre Schlafsäcke gelegt und sind ins Land der Träume ausgewichen. Ihre Gesichter ruhen auf dem Fußboden oder an der metallenen Wandleiste, die von einer sämigen Dreckschicht überzogen sind. Aus allen Aschenbechern quellen Essensreste. Bisweilen kommt Gezänk auf: Teils sitzend, teils liegend, teils über dem Zwischenraum zwischen den Sitzen hängend, haben die Reisenden sich ineinander verkeilt. Bewegt sich einer, gerät das ganze Menschenknäuel in Bewegung."

Als ich jetzt, 26 Jahre später, den Text im Archiv bestelle, lese ich auch den Namen der Autorin: Franziska Augstein. Im Nachhinein klingen ihre Zeilen wenig verführerisch. Zu jener Zeit kam uns jede Dreckschicht wie ein Abenteuer vor, wenn sie nur in Spanien oder Italien lag. Es folgte der Höhepunkt, das Zitat eines Interrailers: "Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Wir wissen nicht, was wir machen. Wichtig ist – wir reisen."

Uns war klar, das mit der DDR konnte nicht mehr lange dauern. Auf eine Art, die die Autorin nicht ahnte, traf ihre Geschichte uns ins Herz. Sie handelte auch von unserem Aufbruch. Vielleicht teilten Ost- und Westjugendliche zu der Zeit die Sehnsucht nach Weite, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Meine Freundin und ich haben diese Reportage in jenem Herbst 1989 viele Male gelesen, manche Passagen lernten wir auswendig. Es war der Text zum Augenblick. Seine Kraft wirkte zu einer bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort. Unser Land löste sich auf, und Interrail, das Reisen, war Flucht, Freiheit, Feier der Jugend.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich selbst eines Tages für diese Zeitung arbeiten würde. Die ZEIT war das Westmedium schlechthin. Kurz darauf fiel die Mauer. In den ersten Sommerferien danach, 1990, besorgten meine Freundin und ich uns ein Interrailticket. Wir fuhren Tausende Kilometer durch Europa, surften in Griechenland, tanzten am Strand in Spanien, aßen Pizza in Rom.

Wir lagen in den Gängen der Züge, duschten auf südeuropäischen Bahnhöfen, frühstückten an den Gleisen. Nur auf einem Zugklo habe ich nie geschlafen.

Jana Simon, Ressort Dossier und ZEITmagazin. Siehe auch ZEIT Nr. 35/88