Wenn Jörg Lörinczy die neueste Ausgabe der ZEIT in den Händen hält, liest er sie nicht. Weder die Titelgeschichte noch den Politikteil und erst recht nicht das Dossier. Der 50-Jährige ist der erste Leser der Zeitung, aber irgendwie auch nicht. Lörinczy ist Drucker.

An einem nasskalten Mittwochmorgen in einer Druckerei in Ahrensburg bei Hamburg greift er in das Band, auf dem in der nächsten Stunde 60.000 Exemplare vorbeirattern werden, und nimmt sich einen der ersten Andrucke der Zeitung.

Seit zehn Uhr am Abend sind er und seine Kollegen im Dienst, haben die Süddeutsche, die Welt, die Bild und das Hamburger Abendblatt gedruckt. Gegen drei Uhr früh hat Lörinczy normalerweise Feierabend. Doch die Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist anders, da geht die Schicht bis sechs Uhr. Keine Zeitung wird so spät gedruckt wie die ZEIT. Das bedeutet Nachtzuschlag, für Drucker ist die ZEIT ein gutes Geschäft. Zwei Stunden haben Jörg Lörinczy und seine Kollegen gebraucht, um die Maschine vorzubereiten. Sie haben die Rollenbreite verändert, Papier und Druckplatten eingesetzt. Jetzt, um kurz vor vier in der Früh, steht Lörinczy an einem Pult unter einer Halogenlampe und blättert die frische Zeitung durch. Die Farbe ist noch feucht. Jedes Mal, wenn Lörinczy umblättert, bleibt etwas Blau, Schwarz und Rot an seinen Fingern haften.

Seite eins: Sein Blick wandert schnell von oben links nach oben rechts, dann in die untere linke Ecke, die rechte. Zum Datum, zum Preis, zum Barcode. Ein paar Sekunden braucht er für die erste Seite. Mehr hat Lörinczy nicht. Bis zu hundert Exemplare überprüft er in einer Nacht. Seite für Seite. Er kontrolliert, ob die Farben satt genug sind. Ob der Druck von Vorder- und Rückseite optimal übereinanderliegt. Manchmal zieht Lörinczy eine kleine Lupe aus der Hosentasche und fährt damit über einzelne Bilder. Auf Seite 36 ist das Rot zu stark. An einem Bildschirm stellt er die Farbe eine Nuance zurück.

Ihn interessiert nicht, ob die Überschrift gut ist, der Artikel spannend. Während er eine Seite drei zum zigsten Mal an diesem Tag gegen die Halogenröhre hält, sagt Lörinczy: "Könnte auch Chinesisch sein."

Seit 1983 ist er im Betrieb. Seit 1986 Drucker. Seit 30 Jahren ist er also einer der Ersten, die die ZEIT in der Hand halten. Wie hat sie sich seitdem verändert? "Sie ist bunter geworden." Und: "Ich habe das Gefühl, dass es mehr Seiten geworden sind."

Um kurz vor sechs hält Lörinczy ein letztes Mal für diesen Tag eine Seite ins Licht, blättert ein letztes Mal eine Ausgabe durch, bevor er sie in einen Container neben sich wirft.

Morgen, vielleicht auch erst übermorgen oder am Wochenende wird Lörinczy die ZEIT zum zweiten Mal lesen. Er wird dann längst nicht mehr der einzige Leser sein, die Zeitung wird schon am Kiosk liegen. Wie in der Druckerei wird er von vorne nach hinten blättern. Doch dann, sagt er, wird er nicht auf die Farben schauen. Er wird nicht die Hülle betrachten, sondern das Herz. Er wird lesen, was ihn interessiert. Die Rubrik Was mein Leben reicher macht – ein Muss. Vielleicht, sagt Lörinczy, wird er auch das Dossier lesen.