Ursula von der Leyen war soeben Verteidigungsministerin, da kümmerte sie sich schon um ihre Soldaten. Genauer: um die Vereinbarkeit von Familie und Soldatenberuf. Wir bei der ZEIT, vor allem wir Männer, haben darüber gelacht. Familienleben? Zeit für Kinder? Kitas statt Kampfbomber? Haben die bei der Bundeswehr keine anderen Sorgen?

Wir saßen in der Themenkonferenz des Hauptstadtbüros, und der Spott flog über den Konferenztisch. Bis irgendwann eine Kollegin sagte: "Das ganze Gerede von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist doch sowieso Lüge. Überall." Plötzlich stand ein Wort im Raum: Vereinbarkeitslüge. Die Diskussion bekam einen neuen Ton.

Klar, diesen Artikel wollten wir alle lesen. Einen sehr persönlichen Text darüber, warum Kinder, Liebe und der Job niemals unter einen Hut passen. Warum immer irgendetwas zu kurz kommt. Und was das mit einem macht. Nur – die Kollegin wollte den Text nicht schreiben. Und auch keine der anderen Mütter in der Runde. Zu heikel, zu intim, Privatsache.

Eigentlich war es Zufall, dass wir beiden Männer uns in diesem Moment über den Tisch hinweg anschauten. Ein kurzer Blick, ein Kopfnicken, und ohne Worte war klar: Wir schreiben das. Als Väter. Dabei wussten wir damals wenig voneinander, eigentlich fast nichts. Wir hatten schon Artikel zusammen verfasst. Aber befreundet waren wir nicht.

Man sagt über uns Journalisten völlig zu Recht, dass wir niemals neutral oder objektiv berichten könnten, weil jeder Gedanke, jeder Satz immer das Ergebnis unserer eigenen Weltwahrnehmung sei. Alles ist subjektiv. Nie aber verschwimmt die Grenze zwischen Objektivem und Persönlichem so sehr wie bei Artikeln, die man über sich selbst schreibt. Wie viel gibt man preis? Wozu soll das gut sein?

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Am Abend nach der Konferenz saß ein jeder von uns zu Hause am Laptop, der eine in Hamburg, der andere in Berlin. Es war spät, die Gedanken kreisten um dieselben Fragen: Was schreibe ich? Wie schreibe ich es? Wie soll daraus ein Artikel werden? Wir haben uns das später gegenseitig erzählt: wie das war, bei einem Glas Rotwein, als die Erinnerungen kamen, die Erlebnisse, viele Gedanken, die wir lange mit uns herumschleppten, vage nur, unausgesprochen. Und wie daraus jetzt Sätze und Absätze wurden. Am nächsten Morgen telefonierten wir: "Du, ich habe da mal was aufgeschrieben ..." – "Was, du auch?" Eine erste Überraschung. Die zweite: Wenn man die beiden Texte übereinanderlegte, war das schon fast: ein richtiger Artikel.

Ein paar Mal schickten wir den Text noch hin und her, Gedanken-Pingpong per Mail, dann schien die Sache rund. Die Kollegin, die uns auf die Idee gebracht hatte, fand den Beitrag klasse, eine andere steuerte den Titel bei: "Geht alles gar nicht". Zuletzt erschien das Stück Januar 2014 in der ZEIT.

Manchmal, nicht sehr häufig, hat man als Journalist das beglückende Gefühl, einen Nerv getroffen zu haben. Etwas auszusprechen, was in vielen rumort. Eine Stimmung, ein Problem in Worte gefasst zu haben, das die Menschen wirklich beschäftigt. Etwas, das nachhallt.

Wir sind beide seit vielen Jahren Journalisten, wir haben über Wirtschaft und Kultur geschrieben, jetzt schreiben wir über Politik, aber noch nie zuvor haben wir derart viele Reaktionen geerntet wie auf diesen Väter-Text. Kollegen anderer Medien sprachen uns an, und die Leser schrieben und schrieben. Wir hatten, aus einem Augenblick heraus, ein Thema gefunden. Oder das Thema uns.

Drei Sorten von Reaktionen gab es. Die erste, vorzugsweise von Männern: Genauso ist es, endlich spricht es mal einer aus! Die zweite, gern von Frauen, aber auch von älteren Herren: Ihr Heulsusen, stellt euch nicht so an, so ist das Leben. Und die dritte, von Männern wie Frauen: Stimmt, aber wo ist die Lösung?

Die haben wir noch immer nicht. Weil es die eine Lösung, die drei Kniffe für das entspannte Leben mit Beruf, Liebe und Kindern nicht gibt, davon sind wir jetzt noch mehr überzeugt als zu Beginn der Recherche. Die gesellschaftlichen Kräfte, die auf uns wirken, sind zu groß, als dass sich das Dilemma dadurch lösen ließe, ein bisschen kürzerzutreten oder weniger ehrgeizig zu sein, wie uns wohlwollende Mitmenschen rieten.

Aber eines hat der Artikel bewirkt. Wir sehen Probleme schärfer, die wir vorher nur diffus wahrgenommen haben. Wir wissen, was mit uns passiert, wir wissen, dass es nicht nur uns so geht. Und, vielleicht das Wichtigste, wir versuchen, über Beruf, Familie und Partnerschaft genauso intensiv nachzudenken wie über unsere Jobs. Und das Handy am Wochenende aus zu lassen.

Bis der Chefredakteur am Sonntagmittag anruft.

Marc Brost und Heinrich Wefing, Ressort Politik. Siehe auch ZEIT Nr. 6/14