Das erste Mal hörte ich im Frühjahr 1985 von der großen Siegfried-Schober-Niederlage. Angeblich, so erzählten es sich die alten ZEIT-Redakteure, wenn sie dachten, dass ich ihnen nicht zuhörte, hatte ihr Feuilleton-Kollege Schober jahrelang an einem Roman gearbeitet, und als er fertig war, schickte er ihn angeblich seinem Freund Peter Handke, der ihm angeblich gesagt hatte, er könne gleich wieder von vorn anfangen. Das muss in den Siebzigern gewesen sein, als er noch beim Spiegel war, der beste Filmkritiker, den es damals gab, weil er immer genau wusste, ob der neue Polanski oder Bertolucci gut oder schlecht ist, und weil er jedes Mal die richtigen, überraschenden, poetischen Worte für sein Urteil fand. Schobers Filmkritiken waren immer auch kurze oder lange Erzählungen, darum habe ich die Sache mit dem Roman und Handke sofort geglaubt.

Bei der ZEIT wollten sie mich im Feuilleton zuerst nicht haben. Ich sollte als Hospitant bis zum Schluss im Modernen Leben bleiben und dort am besten nichts sagen, nichts denken, nichts schreiben. Aber dann habe ich den überraschten Fritz Raddatz auf dem Flur gefragt, ob ich zu ihm darf, und er hat gesagt, na gut, warum nicht, und danach redete er nie wieder mit mir. Dafür redete Siegfried Schober mit mir. Er ließ mich kurze Filmkritiken schreiben, obwohl ich Fernsehen wichtiger und interessanter fand als Kino und ihm das auch sagte, er sprach mit mir über meine Artikel, und vor allem erzählte er mir vor jeder Konferenz, so als wäre ich sein engster Verbündeter, wie sehr ihn Raddatz mit seinem Stolz, Tempo und Größenwahn nervte und dass er ihm diesmal alles, aber auch wirklich alles sagen würde, was er über ihn denke. Dann fing die Konferenz an, aber Schober schwieg. Nur sein langes, dunkles, freundliches Gesicht wurde immer länger und trauriger, und plötzlich rief Raddatz aus: "Kinder, Papa muss jetzt dichten!", und die Konferenz war zu Ende, und Schober hatte mal wieder den Aufstand verpasst.

Es dauerte nicht lange – nur fünf, sechs Wochen –, bis Schober anfing, meine Texte kaputt zu machen. Dies geht nicht, sagte er, und das geht nicht, und ich wusste genau, das ist jetzt der übliche Alt-gegen-Jung-Krieg. Ich glaubte ihm kein Wort und sagte immer wieder Nein, und bald redete auch er nicht mehr mit mir. Kurz danach waren meine drei Monate bei der ZEIT aber sowieso zu Ende, etwas anderes fing an, und ich vergaß ihn allmählich. Ich hörte, dass er zum Spiegel ging, dann zum stern, er schrieb immer weniger, höchstens einen Artikel im Jahr, und bald schrieb er gar nicht mehr und löste sich wie in Nichts auf.

Gleichzeitig passierte etwas sehr Seltsames: Kaum schien es, als hätte es Schober und seine genialen Kritiken, Essays und Porträts nie gegeben, kaum taten alle so, als seien die einzigen wahren, unfehlbaren Cineasten der sechziger und siebziger Jahre die verstiegenen Kino-Akademiker Frieda Grafe und Enno Patalas gewesen, dachte ich immer öfter an ihn. Sein Name, seine fast surrende, aber trotzdem tiefe Stimme, sein von Peter Handke sabotierter Roman fielen mir ein, und ich verzog dabei jedes Mal überrascht das Gesicht. Ich dachte, er war der Erste, der mich wenigstens für ein paar Wochen in die Welt der bösen, alten Journalisten reinließ – aber dann gab er auf. Er wollte von Raddatz ein besseres Feuilleton – aber dann gab er auf. Er wollte Schriftsteller werden – und gab auf.

Vor ein paar Tagen habe ich Michael Jürgs angerufen, der beim stern Schobers Chefredakteur war, und ich fragte ihn, ob er mal wieder etwas von seinem ehemaligen Superautor gehört habe. Jürgs lachte so laut, männlich und old school-haft wie immer, und sagte: "Klar! Ich hab Siegfried kurz nach Weihnachten in der Isestraße getroffen. Wir haben uns lange umarmt, aber dann hat er gesagt, dass er mir bis heute nicht verzeihen kann, dass ich damals als Chefredakteur rausgeflogen bin!" Wieder dieses Jürgs-Lachen. "Wissen Sie, was er jetzt macht, Herr Jürgs?", sagte ich. "Klar! Er schreibt einen Roman." – "Mal wieder?" – "Immer noch!" – "Und warum dauert das so lange?" – "Weil es so schwer ist, hat er gesagt, die richtigen Worte zu finden." – "Also hat er doch noch nicht aufgegeben", sagte ich leise. "Wie bitte?" – "Ach, nichts", sagte ich, "ich hab nur laut gedacht." – "Ich hab Sie genau gehört", sagte Jürgs jetzt fast genauso leise. "Hoffentlich haben Sie recht."

Maxim Biller ist Schriftsteller in Berlin