Ein anständiger Journalist hat Beobachter zu sein, nicht Mitspieler. Denn als Helfer wird er unweigerlich zur Partei, die Objektivität allenfalls heucheln kann. Und dennoch bin ich froh, die Rolle des Betrachters ganz am Anfang meiner Karriere einen Moment lang abgeschüttelt zu haben, ohne lange darüber nachzudenken.

Es war im Sommer 1979 auf einer winzigen Insel namens Pulau Bidong im Südchinesischen Meer. Seit der Eroberung Südvietnams durch den Norden vier Jahre zuvor waren an die 550.000 Menschen aus dem "befreiten" Land geflohen, wo "konterrevolutionäre Elemente" in "Umerziehungslager" verschleppt oder gleich umgebracht wurden. Die Schätzungen sprechen von 2,5 Millionen Gefangenen und 200.000 Hingerichteten.

Wohin sollten die Regimeopfer fliehen?

Der Landweg war praktisch verrammelt, war doch Vietnam von Kambodscha, Laos und China eingeschlossen, die den Flüchtenden keineswegs Herzen und Tore öffnen wollten. Es blieb nur das offene Meer – in überladenen Seelenverkäufern, die beim ersten Sturm absoffen. Wer Glück hatte, also nicht zu den geschätzt 250.000 ertrunkenen Boatpeople gehörte, landete auf Internierungsinseln wie Pulau Bidong knapp vor der malaysischen Küste.

Glück hieß: überlebt zu haben und nicht von Piraten ermordet oder vergewaltigt worden zu sein. Glück hieß: auf einem unbewohnten Eiland von etwa einem Quadratkilometer Größe zu landen, auf dem sich 40.000 Menschen drängten. In Wahrheit war es ein Stehplatz in der Hölle, ein tropisches Gefängnis, das Malaysia eingerichtet hatte. Ringsum kreisten Tag und Nacht mehrere Polizeiboote wie nervöse Schäferhunde.

Aus der Ferne und im verklärenden Dunst sah Pulau Bidong aus wie ein Club-Med-Ferienlager. Stelzenhäuschen an grünen Hängen, dünne Rauchsäulen, die Grill-Freuden im Sonnenparadies suggerierten. Doch als unser UN-Boot am Steg anlegte, nahm ich nur noch den alles überwältigenden Gestank von Urin und Fäkalien wahr.

Denn es gab nur eine Latrine mit zwölf Sitzen. Zwei Sechserreihen, Rücken an Rücken, links die Frauen, rechts die Männer – nach vorne offen. Ansonsten blieben nur Wald und Strand – wo sich die Ratten und Fliegen über die anderen Rückstände menschlicher Existenz hermachten. Oder das Meer, wo Kot und Unrat eine prächtige Nährlösung für Krankheitskeime abgaben.

Der malaysische Innenminister nannte diese vietnamesischen Boatpeople "Treib- und Strandgut", angelockt von den "Schalmeienklängen der Menschenrechte". Ein Sprecher Hanois erklärte die Flut im klassischen Neusprech des Totalitarismus: "Wir wollen eine Konsum- in eine Produktionsgesellschaft verwandeln, und es gibt Vietnamesen, die sich nicht an die neue Ordnung anpassen können."

Kaum hatte ich die Polizeikontrolle am Steg verlassen, wurde mir der erste Brief in die Hand gedrückt – ohne Marke und mit entschuldigendem Lächeln. Denn die geschmuggelten Postwertzeichen kosteten auf dem "Broadway," der Hauptstraße, mindestens den dreifachen Nennwert. Alle zehn Meter ein Bündel Briefe. Die meisten gingen nach Amerika. An zweiter und dritter Stelle nach Australien und Kanada, eine Handvoll nach Deutschland. Am Schluss füllten sie einen ganzen Koffer, adressiert an Verwandte und Einwanderungsbehörden. Es waren geträumte Brücken zur Freiheit.

Dieses "Strandgut" erhielt vom UN-Flüchtlingskommissariat pro Tag 100 Gramm Sardinen, 70 Gramm Hühnerklein und 90 Gramm Erbsen, dazu etwas mehr Reis und Nudeln. "Niemand muss verhungern", kommentierte der Lagerleiter den "Speiseplan". Doch dann berichtete er von krasser Mangelernährung, Diarrhö und Infektionen. Der Beobachter sah kleine Kinder mit aufgequollenen Bäuchen und hervorstehenden Knochen.