Thomas Hitzlsperger: Herr Müller-Wirth, Sie haben um ein Gespräch gebeten – warum?

Moritz Müller-Wirth: Nicht schlecht! (lacht) Diese Frage kommt mir bekannt vor.

Hitzlsperger: Dieselbe Frage haben Sie mir vor zwei Jahren als erste in unserem Interview gestellt.

Müller-Wirth: Das stimmt und war damals wie heute die Wahrheit. Die ZEIT wird 70, und alle Redakteure sollen sich in ein paar Zeilen an die wichtigste Story ihres ZEIT-Lebens erinnern. Da dachte ich, da Sie jetzt auch Journalist sind – warum fragen Sie mich nicht einfach danach?

Hitzlsperger: Ihr Interview mit einem Ex-Fußballer war das bedeutendste? Das nehme ich Ihnen nicht ab.

Müller-Wirth: Es war die Geschichte, die die größte Wirkung hatte unter allen meinen Geschichten, aber auch in der 70-jährigen Geschichte der ZEIT war es eine der wirkungsmächtigsten.

Hitzlsperger: Wie haben Ihre Kollegen damals reagiert?

Müller-Wirth: Am Ende unseres (ja fast dreijährigen) Arbeitsprozesses waren alle sehr glücklich, zwischendurch hatten einige schon den Glauben verloren, dass das Interview je erscheinen würde.

Hitzlsperger: Wurde wenigstens Ihr Gehalt erhöht?

Müller-Wirth: Da müssen Sie meinen Berater fragen.

Hitzlsperger: Diese Antwort habe ich befürchtet. Wenn Sie schon nicht über Geld reden wollen, können Sie mir wenigstens verraten, wie Ihr Chef reagiert hat?

Müller-Wirth:Giovanni di Lorenzo war im Urlaub zu diesem Zeitpunkt, rief aber gleich an, um zu gratulieren, als er gesehen hatte, dass wir der Aufmacher in den Abendnachrichten im Fernsehen waren.

Hitzlsperger: Wenn Sie heute noch einmal die Chance hätten, eine Frage nachzuschieben, welche wäre das?

Müller-Wirth: Wie konnte es sein, dass Sie bis zu unseren ersten Gesprächen nichts von den vielen Gerüchten um Ihre angebliche Homosexualität mitbekommen haben? Wenn man "Hitzlsperger" bei Google eingab, war das Erste, was kam: "Hitzlsperger schwul".

Hitzlsperger: Ich erinnere mich daran, dass es eine Reihe von in der Öffentlichkeit stehenden jungen Männern gab, die diesen Zusatz in der Suchzeile hatten. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich habe davon nichts mitbekommen, auch weil ich mich nicht jeden Tag selbst google.

Müller-Wirth: Wir haben, während dreier Jahre, gemeinsam mit Carolin Emcke unzählige Gespräche geführt, zweimal haben wir die Veröffentlichung kurzfristig abgesagt, weil uns allen der Zeitpunkt nicht geeignet erschien. Wie haben diese Gespräche den Prozess Ihres Coming-outs beeinflusst?