Bevor ich Journalist wurde, war ich der Meinung, Interviews eröffneten einen besonders unverstellten Blick auf Menschen. Persönliche Gedanken, harte Diskussionen, berührende Bekenntnisse, alles formuliert in eigenen Worten. Dann wurde ich Journalist und lernte: Kaum ein Format ist künstlicher als das Interview.

Wie sollte es anders sein? Ein Gespräch dauert 60 Minuten, 90 Minuten, mitunter braucht es mehrere Treffen. Der Interviewte bricht oft Sätze ab, greift sie später wieder auf, springt gedanklich. Schriebe man das alles eins zu eins auf, wäre der Text viel zu lang. Unleserlich. Unerträglich. Der Journalist kürzt also, verdichtet, formuliert Übergänge. Manchmal stellt er ganze Blöcke um, damit ein roter Faden zu erkennen ist.

Interviews sind alles andere als wahr. Zugleich sind sie, wenn sie gelingen, auf besondere Weise wahrhaftig, ein Austausch, der das Wesentliche freilegt. Die Gedanken sind ja geäußert worden, die zentralen Sätze so gefallen, der rote Faden war da. Nur dass er Umwege genommen hat.

Im Fall von Blixa Bargeld war der Umweg sehr lang. Das Wirtschaftsressort plante einen Schwerpunkt "Innovation". Ich kam mir ziemlich cool vor, als ich vorschlug, wir selbst könnten doch innovativ sein und nicht die üblichen Verdächtigen – Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer – fragen, sondern Blixa Bargeld. Der Mann ist Gründer und Sänger der Einstürzenden Neubauten. Die Band war damals schon 25 Jahre im Geschäft, aber kaum eine deutsche Gruppe – außer Kraftwerk – hatte international so viel Einfluss. Mir schwebte als Unterzeile vor: "Ein Gespräch über das Neue und wie es in die Welt kommt".

So fuhr ich im Mai 2006 nach Berlin und traf "Blixa". Wir saßen an einem langen, dunklen Holztisch und sprachen in allen Variationen über das Neue. Es war eine große Erzählung, gewürzt mit Exaltiertheit. Kurz: grandios. Ich fuhr zurück nach Hamburg, straffte, feilte und hielt ein, wie ich fand, sehr gelungenes Interview in Händen.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Doch wie das Schicksal spielt – unser Schwerpunkt "Innovation" kam nie zustande. Was sollte ich nun mit dem einsamen Blixa anfangen, zwischen Siemens, Deutscher Bank und Globalisierung? Die Monate verrannen. Ab und zu wies ich die Kollegen darauf hin, dass im Stehsatz noch "dieses Interview mit Blixa Bargeld" stünde, doch was anfangs ernst gemeint war, wurde zum Running Gag. Immer wieder versuchte ich, den Text ins Blatt zu schmuggeln, er lag mir am Herzen. Doch 2007 kam – und ging. 2008, 2009 ebenso.

Dann stand das 30-jährige Jubiläum der Neubauten an. Verschämt klopfte ich noch mal bei Bargeld Entertainment an, Teile des Interviews waren überholt, und ein neues Treffen war nötig. Im Oktober 2010 fuhr ich wieder nach Berlin. Neues Büro, neue Assistentin, aber Blixa war da.

Ich hoffte, er hätte vergessen, dass ich mich bei unserem ersten Gespräch zu etwas hatte hinreißen lassen, das ich bis dato nie getan hatte (und seither nie wieder tat) – um ein gemeinsames Foto zu bitten. Ich war, es ist Zeit, das zu beichten, seit Jahren ein Fan der Einstürzenden Neubauten. Ich besaß ihre Platten, ging auf ihre Konzerte. So vergaß ich dieses eine Mal alles Professionelle: Ich log, das Foto sei für eine Freundin, und machte ein unscharfes Bild.

Unser Wiedersehen wurde, kurz gesagt, schwierig. Eitel war Blixa schon beim ersten Mal gewesen, doch was soll man von jemandem erwarten, der weltweit umjubelt wird? Dieses Mal war Blixa aber auch grantig. Er steckte in den Vorbereitungen für eine Tournee, hatte wenig Lust und blockte jede Frage ab, die nicht seine Musik betraf. Doch am 20. April 2011, fast fünf Jahre nach dem ersten Anlauf, erschien dann endlich das Interview, Überschrift: "Andere sind reich – ich bin legendär". Als Blixa Bargeld dies gesagt hatte, war ihm anzusehen, dass er wusste: Der Satz war gut.

Ist das Interview so geführt worden? Natürlich nicht. Es ist eine Komposition aus zwei Gesprächen, der Großteil stammt aus 2006. Dennoch ist es ein gültiges Dokument. Auch weil ich es Blixa Bargeld zum Gegenlesen geschickt habe – eine in Deutschland übliche Praxis, die gerne kritisiert wird, mir aber gerade bei Interviews sinnvoll erscheint. Sie legitimiert den Text, der in der Verdichtung oft anders ausfällt als in der Realität. Geändert hat Blixa Bargeld kein Wort.

Ich habe Milliardäre befragt, Bankchefs, mächtige Manager. Aber Blixas Interview ist mir bis heute am liebsten. Vielleicht verstellt die Mühe meinen Blick, aber ich glaube, dass er darin Einblicke in seine Arbeit gewährt hat, die auch den Leser bereichern, der nie einen Ton der Einstürzenden Neubauten gehört hat. Seine Autobiografie, die er damals komplett erfinden wollte, hat Blixa Bargeld aber bis heute nicht geschrieben.

Arne Storn arbeitet im Wirtschaftsressort und ist seit 2012 Finanzkorrespondent in Frankfurt. Siehe ZEIT Nr. 17/11