So viele neue Gesichter, so viele neue Kolleginnen und Kollegen, denen man da auf den ZEIT-Fluren begegnet. Wer im Pressehaus am Hamburger Speersort arbeitet, freut sich täglich über neue Bekanntschaften. Das Phänomen ist leicht erklärlich, bekommt doch die ZEIT Jahr für Jahr, wenn nicht Monat für Monat Familienzuwachs: neue Magazine – man denke nur an das erfolgreiche ZEIT Geschichte! –, Sonderausgaben, Akademiekurse, Symposien, Reisen, Kunstblätter ... und Redaktionen nicht mehr nur in der brandenburgischen Provinz (Berlin), sondern auch in Wien, Zürich, Dresden, im Vatikan ... ach nein, dort wohl noch nicht. Dazu das unermessliche Online-Reich. Die einst so beschaulichen Weihnachtsfeiern jedenfalls und die lauschigen Verlagsfeste haben längst Loveparade-Dimension angenommen, es ist fantastisch!

Natürlich gibt es auch vertraute Gesichter. Einige Kolleginnen und Kollegen sind schon Jahre, manche gar Jahrzehnte dabei. Doch keiner so lange wie diese drei, von unseren Lesern geliebt und verehrt: das große Möge, das kleine Aber und das liebe Wir.

Immer wieder kommen Briefe und Mails mit der Bitte, den Lesern und Usern diese wunderbaren Kollegen einmal näher vorzustellen, am besten mit Foto und einem kleinen Lebenslauf. Hat Möge schon mal den Reporter-Preis bekommen?, will man wissen. Ist Aber etwa Theologe? Einmal kam auch ein sehr verwirrender Brief: "Wir, ich will ein Kind von Dir!"

Fehlanzeige, leider. Die drei Kollegen sind zu dergleichen einfach nicht zu bewegen. Sie sind eben doch noch ein bisschen vom alten Schlag und schätzen es nicht, in der Zeitung oder online abgebildet zu werden. Selbst der Aufnahme ins Impressum haben sie sich bislang hartnäckig verweigert, dabei gebührt ihnen eigentlich der Platz gleich hinter Gräfin Dönhoff, Gerd Bucerius und den anderen großen Toten.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Vor allem das Möge ist recht timid. Es mag an seinem unendlich reichen und tiefen Erfahrungsschatz liegen, denn Möge arbeitet schon – ja, weiß Gott, wie lange für die Presse. Ganz, ganz oben im alten Haus am Speersort hat es seine Suite, rüstergetäfelt, mit einem sehr schönen Blick auf Rathaus, Kirche und Börse. Sein Schreibtisch, polierte Kirsche, scheint aus dem 18. Jahrhundert zu stammen, nicht gerade Roentgen, aber doch sehr elegant. Und wie fleißig Möge noch immer ist, wie nimmermüde! Kaum ein Leitartikel kommt ohne seine noble, leicht silbrige Erscheinung aus. Selbst wenn es sich zunächst zurückhält, spätestens am Ende der Spalte hat es seinen großen Auftritt: Möge ...!

Natürlich, die Jahre, das Alter. Ohne indiskret sein zu wollen. Möge selber weiß darum. Und so hat es seine kleinen Helfer: Muss, Darf, Soll und ähnliche unerbittliche Famuli. Sehr schneidig sind sie alle, sehr entschieden, kein Zweifel. Aber dahinter steht natürlich immer und unverwechselbar das große Möge. Ja, möge doch Obama einmal nur auf uns hören! Möge Putin endlich ein Einsehen haben! Möge Merkel doch bloß diesen de Maizière feuern! Möge weiß es, Möge kennt die Welt, Möge wünscht das Beste.

An seinen Wänden hängen in zarten goldenen Rahmen wunderbare Zitate. Da kann man sich stundenlang hineinvertiefen. Am meisten liebt Möge, wie es einmal gestand, ein kurzes Gedicht von Ernst Jandl, Glückwunsch: "Wir alle wünschen jedem alles gute: / daß der gezielte schlag ihn just verfehle; / daß er, getroffen zwar, sichtbar nicht blute; / daß, blutend wohl, er keinesfalls verblute; / daß, falls verblutend, er nicht schmerz empfinde; / daß er, von schmerz zerfetzt, zurück zur stelle finde / wo er den ersten falschen schritt noch nicht gesetzt – / wir jeder wünschen allen alles gute".

So ist Möge! Möge es uns noch lange erhalten bleiben!