Seit 14 Jahren darf ich für die ZEIT Kolumnen schreiben. Diese Kolumnen lese ich auch vor, zu solchen Veranstaltungen kommen pro Jahr etwa 10.000 Leute. Die meisten von ihnen sind natürlich Leser dieses Blattes. Das heißt, ich dürfte im Lauf meiner Autorentätigkeit etwa 100.000 ZEIT-Lesern persönlich begegnet sein. Möglicherweise bin ich, obwohl ich gar nicht zur Redaktion gehöre, in dieser Hinsicht der Rekordhalter.

Die Frage, die viele ZEIT-Leser am stärksten zu bewegen scheint, ist oder war bis vor Kurzem die Frage, wie Helmut Schmidt im persönlichen Umgang so zu sein pflegte. Ist er nett? Ist er sehr arrogant? Bietet er Zigaretten an? Ich konnte dazu nie etwas Substanzielles sagen, ich habe mit Helmut Schmidt nämlich niemals ein Wort gewechselt. Das hat auf die Menschen irgendwie enttäuschend gewirkt. Manchmal habe ich deshalb etwas erfunden, zum Beispiel habe ich mal gesagt, dass Helmut Schmidt mir in beschwörenden Worten ausgeredet habe, mit dem Rauchen aufzuhören. Mehrmals habe ich bei Lesungen behauptet, Helmut Schmidt verlange, dass nur Raucher bei der ZEIT Kolumnen schreiben dürften. Das war, finde ich, als Satire leicht durchschaubar. Falls jemand es geglaubt haben sollte, bitte ich um Entschuldigung.

Ein Thema, das ebenfalls oft zur Sprache kommt, ist die Länge der Artikel. Interessanterweise wird über die Länge der Artikel so gut wie nie geklagt, im Gegenteil, es wird gelobt, dass die Texte lang sind. Sie hätten, wegen der Länge, von vornherein so etwas Tiefschürfendes. Ein kurzer Text wirkt oft flachschürfend, außer Haikus und Aphorismen vielleicht. Gleichzeitig sagen Leser oft, dass sie nicht dazu kommen, die Zeitung zu lesen, es sei aber ein richtig gutes Gefühl, eine so tiefschürfende Zeitung wenigstens im Haus zu haben. Ein Raclette benutzt man ja auch nicht ständig, aber man freut sich, dass man eines hat. Manche Leser sagen, dass sie die ZEIT irgendwo stapeln, in der Hoffnung, all die guten Texte eines Tages lesen zu können. Wenn dann nach einigen Monaten der Moment gekommen sei, sich von dem Stapel zu trennen, dann sei dies ein Gefühl, als ob man ein Familienmitglied ins Heim bringe.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Manchmal werde ich auf Texte von Kollegen angesprochen. Ich bin dann verblüfft, weil die Leserin oder der Leser den Text sehr detailliert wiedergeben kann, obwohl er vielleicht schon vor Monaten erschienen ist. Ich neige dazu, selbst die Sachen schnell zu vergessen, die ich selber geschrieben habe, vielleicht ist das sogar eine Gnade. Eine Sache aber vergesse ich nicht. Ein alter Herr regte sich sehr über einen Leitartikel auf und wollte wissen, ob ich das nicht auch völlig unangemessen finde angesichts des Ernstes der Lage. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass es um einen Leitartikel des früheren Chefredakteurs Theo Sommer ging, der etwa zur Zeit der Wiedervereinigung erschienen war. Ich glaube, meine Antwort lautete: "Erkenntnis ist die Wunde, die zu heilen sie vorgibt." Dieser Satz stammt von Hegel. Immer wenn ich in einer Diskussion nicht weiterweiß, bringe ich ein Hegel-Zitat, von einem Mitarbeiter der ZEIT darf man das auch erwarten.

Eine der Fragen, die am häufigsten gestellt werden, lautet: "Dürfen Sie schreiben, was Sie wollen?" Ich sage dann, ja, nur die Eigennamen darf ich nicht so schreiben, wie ich will. Und auch wenn die Redakteure im Text einen anderen Fehler entdecken, dann korrigieren sie ihn. Damit kann ich gut leben. Manchmal lautet die Nachfrage: "Bekommt man als ZEIT-Kolumnist denn nie Ärger?" Ich sage dann wahrheitsgemäß: doch, durchaus. Wenn man die Kolumne ohne Ankündigung einfach nicht liefert, bekommt man bestimmt Ärger. Deshalb habe ich das nie ausprobiert.

Harald Martenstein ist Redakteur des "Tagesspiegels" und Autor des ZEITmagazins