Die letzte Reyno war geraucht. Und aus dem halbstündigen Plausch eine einstündige Konversation geworden. Die Bilanz: 16 Zigarettenstummel, zehn von Helmut Schmidt, sechs von mir. Und eine Auszeichnung des Altkanzlers: "Ich möchte das große Kompliment, das ich Ihnen zu Beginn unseres Gesprächs gemacht habe, ausdrücklich wiederholen."

Sein Kompliment galt meinem fast 30 Jahre alten Artikel: Ziegenkäse aus Dänemark. Ein Stück über die Wirtschaftsmisere Griechenlands, meine erste große Reportage, die ich als Praktikant im Wirtschaftsressort der ZEIT am 16. April 1986 untergebracht hatte. Eine ganze Seite! Nie hätte ich mir träumen lassen, dass sie mir drei Jahrzehnte später eine Einladung in das Herausgeberbüro bescheren würde.

Es war die Griechenlandkrise, die mir im Sommer 2015 zu spätem Ruhm verhalf. Das Handelsblatt hatte meinen Artikel ausgegraben und unter dem Titel Nachhilfe vom Praktikanten verbreitet. Der Herausgeber des Handelblatts schrieb in seinem Morning Briefing: "Seine Erkenntnisse – 1986, als er 27 Jahre alt war – weisen starke Ähnlichkeit mit dem jüngsten IWF-Bericht zur Schuldentragfähigkeit Griechenlands auf!"

Alles begann, als ich im Juni 1983 für Recherchen zu meiner Seminararbeit über "Die Folgen der Integration der griechischen Landwirtschaft in die Europäische Gemeinschaft" aufbrach.

Im Ministerium in Athen begriff ich rasch, wie sehr die Dinge schon damals im Argen lagen: Nur wenige Büros waren besetzt. Der Schreibtisch neben meinem gehörte einem Beamten, der nebenbei Taxi fuhr, im Nebenzimmer sollten zwei Staatsdiener sitzen, von denen einer einen Kiosk am Syntagma-Platz betrieb, der andere ein Souflakirestaurant in der Plaka. Sie tauchten nur ab und zu im Ministerium auf. Immerhin: Tausende Beamte brauchten gar nicht zur Arbeit zu erscheinen und bekamen dennoch ihr Salär aufs Konto.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Sie hatten ihre Jobs als Wahlgeschenke empfangen, gängige Praxis der beiden großen Parteien, die sich an der Regierung ablösten. Fast jede Staatsstelle war doppelt besetzt. Mir wurde klar: Ohne die jährlichen Milliardentransfers aus dem EG-Haushalt wäre Griechenland pleite. Die Geisterhand des Staates absorbierte mehr als die Hälfte des Volkseinkommens.

Spannend auch die Recherche über die Anwendung der "Olivenbaumverordnung". Sie regulierte die EG-Subventionen nach der Zahl der Bäume. Obwohl der Olivenbaum sehr langsam wächst, hatte sich seine Zahl in Griechenland nach dem EG-Beitritt 1983 binnen zweier Jahre verdoppelt. Und auch die Einfuhrstatistik weckte mein Interesse. Seit dem Beitritt überschwemmten Ziegenkäse aus Dänemark, Schweinefleisch und Milch aus deutschen Großbetrieben den griechischen Markt. Sie waren viel billiger als die eigenen Produkte.

Die Griechen waren stolz, Mitglied der europäischen Völkergemeinschaft zu sein. Die europäischen Werte klangen nach Zukunft und Prosperität. Einen effizienten Staatsapparat oder eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen, daran hatte niemand gedacht – weder die Griechen noch diejenigen, die sie subventionierten. Damals wie heute vertrauen die Griechen lieber dem Beziehungsgeflecht der Großfamilie als dem Staat oder gar Europa.

Das waren nur ein paar Beispiele für die Misere der griechischen Wirtschaft, die ich mir dann in diesem ersten ZEIT-Artikel von der Seele schrieb. Ich war sehr stolz. Doch die Reaktion der Fachwelt: null. Bis das Handelsblatt 29 Jahre später auf meine Ausführungen stieß. Als Krönung erfolgte zuletzt die Einladung zum Gespräch aus dem Büro des Altkanzlers.

So machte ich mich am 16. August auf in Helmut Schmidts Büro. Dort eröffnete Schmidt mit "einem großen Kompliment" für meinen Artikel das Gespräch. Um mir dann – nicht ohne sich eine Zigarette anzuzünden – zu erklären, dass er damals sehr "gegen die Aufnahme Griechenlands" gewesen sei, "aus ökonomischen Gründen". Allerdings habe er sich dem Wunsch seines Freundes, des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing, gebeugt, der Griechenland als Gründungsstätte der Demokratie unbedingt im europäischen Staatenbund haben wollte. "Das", sagte Schmidt, "war im Nachhinein betrachtet ein großer Fehler."

Bernd Loppow hat zwölf Jahre als ZEIT-Redakteur für die Ressorts Reisen und Wirtschaft geschrieben. Im Jahr 2000 gründete er für den Zeitverlag ZEIT REISEN. Siehe ZEIT Nr. 45/86