Eine Zeitung, die keine Fehler macht, gibt es nicht. Eine Zeitung, die keine Fehler riskiert, möchte niemand lesen.

Unachtsamkeiten und Flüchtigkeiten finden jede Woche ihren Weg ins Blatt. Sie sind immer ärgerlich, sehr selten aber setzen sie den Autor ins Unrecht. Nur hin und wieder provozieren sie Briefe wütender Leser ("Sie können einen Ober- nicht von einem Oberstleutnant unterscheiden? Was kann man in dieser Zeitung noch glauben!"). Unvergessen ist natürlich der Patzer von ZEIT-Feuilletonchef Fritz J. Raddatz, der 1985 in einem Leitartikel zur Buchmesse einer Parodie auf den Leim ging und Goethe "das Gebiet hinter dem Bahnhof" in Frankfurt beschreiben ließ, obwohl die erste deutsche Eisenbahn erst drei Jahre nach dem Tod des Dichters fuhr.

Größere historische Fehler beging die ZEIT fast immer dann, wenn sie dachte wie viele andere Blätter. In den frühen achtziger Jahren verkannte sie die Stärken Helmut Kohls, weil sie nur auf seine Schwächen schaute. Und in den Neunzigern galt auch dieser Zeitung als hoffnungslos gestrig, wer sein Geld nicht auf den boomenden Finanz- und Aktienmärkten bombensicher anlegte.

Schon im Jahr ihrer Gründung, im Jahr 1946, lag die ZEIT daneben. Die Nürnberger Prozesse? Siegerjustiz, historisches Unrecht! So wetterte unter anderem Marion Gräfin Dönhoff. In den Fünfzigern wähnte man die deutsche Einheit noch zum Greifen nah: "Solange der Westen Berlin verteidigt und stützt, ist auch die Sowjetzone nicht verloren" (Chefredakteur Richard Tüngel). Erst 1961 starb die Hoffnung, als die DDR, "jenes KZ, an diesem 13. August mit Stacheldraht seine letzten Ausgänge verbarrikadiert hat". Würde man auch nicht mehr so schreiben. Die Zeitung von gestern ist die historische Quelle von heute.

Um wirklich groß und glanzvoll zu scheitern, braucht es denn auch mehr als eine Meinung: den Mut zur Prophezeiung. Die falsche Prognose ist die Königsklasse unter den journalistischen Fehlgriffen. Sie geschieht nicht aus Unachtsamkeit und Zeitgenossenschaft, sondern aus Tollkühnheit. Manchmal aus Besserwisserei und Anmaßung. Seltener aus dem märchenhaften Hoffen heraus, die Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, möge nicht vorbei sein.

Nicht immer ist das Ende heiter. Absturz eines Mythos titelte die ZEIT im Frühjahr 2015 und nahm die Lufthansa für das Germanwings-Unglück vom 24. März voreilig in die Pflicht. Dabei weiß man auch bei der ZEIT aus schmerzlicher Erfahrung: Nimm nie ein Ergebnis vorweg, das sich unmittelbar nach Redaktionsschluss noch ändern könnte! Sonst droht der "Kasimier-Effekt": 1976 hatte die Reporterin Nina Grunenberg nach dem Rücktritt des niedersächsischen Ministerpräsidenten selbstbewusst den SPD-Mann Helmut Kasimier als Nachfolger porträtiert. Gewählt wurde, nachdem die ZEIT-Ausgabe in den Druck gegangen war: Ernst Albrecht von der CDU.

Sicherer darf sich fühlen, wer weiter in die Zukunft blickt. Ein Meister solcher Visionen war Helmut Schmidt. Hier hören wir ihn, 2012, im Gespräch mit dem singapurischen Staatsgründer Lee Kuan Yew:

Lee: Ja, China wird stärker werden, aber ich glaube nicht, dass China so beherrschend werden kann, dass es den Pazifik kontrolliert.

Schmidt: Nein, das wird sehr lange dauern. Das dauert länger als ein Jahrhundert.

Lee: Es ist unmöglich.

Schmidt: Ich bin mir nicht sicher, ob es möglich ist. Aber es ist nicht möglich im 21. Jahrhundert.

Wer wollte das widerlegen?