Ist das wirklich passiert? Haben wir mit dem größten Boxer aller Zeiten auf der Terrasse Thunfisch-Sandwiches gegessen? Es gab keine Anfragen und Verhandlungen im Vorfeld, nur den spontanen Anruf eines Freundes.

Kurz zuvor, im Juli 1999, saßen mein Mann John und ich mit Hans-Jürgen Massaquoi am Küchentisch seines Hauses in New Orleans. Draußen war es unerträglich heiß, doch hier bei Eistee und Klimaanlage ließ es sich aushalten. Der 73-jährige Massaquoi blickte auf eine journalistische Karriere zurück, die beim Hochglanzmagazin Ebony in Chicago endete. Er war ein würdevoller, eleganter schwarzer Herr – mit norddeutschem Dialekt: Massaquoi wurde in Hamburg geboren. Über seine Kindheit in Nazideutschland und seinen Weg über Liberia in die USA hatte er ein Buch geschrieben, über das wir mit ihm sprechen wollten.

Während des Interviews holte Massaquoi einen Pappkarton mit alten Fotos. Darunter auch ein Bild von Muhammad Ali. "Haben Sie ihn interviewt?", wollten wir wissen. "Ja, mehrmals", Massaquoi lächelte.

An einem Frühlingsmorgen 1963 hatte ein Bus mit der Aufschrift "I Am the Greatest" vor der Ebony-Redaktion gestanden. Der Boxer wurde begleitet von einem Schwarm Frauen in Miniröcken und Cowboystiefeln. Er stürmte in die Redaktion und verkündete, sein Name sei Cassius Clay und er sei der nächste Weltmeister im Schwergewicht. Danach durchsuchte der Boxer jeden Winkel der Redaktion nach dem amtierenden Schwergewichtsmeister Sonny Liston. Die Journalisten waren perplex. Massaquoi hoffte damals, jemand möge diesem Angeber das Maul stopfen.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

"Hättet ihr Lust, ihn zu besuchen?", fragte uns Massaquoi. Meinte er das ernst? Doch er war schon auf dem Weg zum Telefon. "Vielleicht hat Ali ja Zeit", rief er.

Muhammad Ali hatte Zeit.

Wenige Tage später sind wir unterwegs auf dem Highway 94 nach Berrien Springs, einem Dorf in Michigan, drei Autostunden von Chicago. Die Sackgasse zu Alis Farm endet vor einem schmiedeeisernen Gitter. Dahinter kurz geschorener Rasen, alte Eichen und vier weiß gestrichene Holzhäuser. Kein Bodyguard, kein Fuhrpark. Eine junge Frau öffnet das Tor. Sie stellt sich als Melanie vor, Alis Assistentin. Dann kommt uns der Weltboxer auf einem weißen Golfkart entgegen. Steigt aus, begrüßt uns mit ausgebreiteten Armen. Aber er lächelt nicht, sein Gesicht wirkt seltsam eingefroren. Seit Jahren leidet Ali, der bei unserer Begegnung 57 Jahre alt ist, am Parkinsonsyndrom. Das Gehen fällt ihm schwer, weil er stets das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen droht. Seine Hände zittern. Von seiner lauten Stimme ist nur ein Murmeln geblieben. Jedes Wort fällt ihm schwer. Allein die strahlenden Augen verraten Alis wachen Geist. Er weiß, dass die Welt ihn bedauert. Und will mit aller Kraft das alte Rollenbild erfüllen und auch als kranker Mann seine Würde bewahren. Filmaufnahmen gestattet er nicht mehr.