An den ersten Anruf von der ZEIT kann ich mich noch genau erinnern. Gerade hatte ich die dritte Tasse Beruhigungstee getrunken, gleich sollten mir die Weisheitszähne gezogen werden. Da klingelte mein Telefon. "Andreas Sentker hier, von der ZEIT", sagte der Ressortleiter, "Sie hatten uns einen Themenvorschlag gemacht. Interessant. Erzählen Sie mal."

Ich erzählte ihm, wie ich beim Gespräch mit einer Biologin auf das Thema mit den Mumien gestoßen sei: Unter einem Kapuzinerkloster in Palermo lägen 2.000 Körper aus vier Jahrhunderten. Erforscht worden sei diese größte aller Mumiensammlungen in Europa bislang noch kaum. Und nun war ausgerechnet ich eingeladen, eine der ersten Expeditionen zu begleiten. So dachte ich. "Klingt prima. Machen Sie mal. Wenn’s gut ist, drucken wir’s", sagte der Herr Sentker.

Dazu muss man wissen: Damals war ich 22 und studierte noch Wissenschaftsjournalismus in Dortmund. Die Zusage war eine Riesengelegenheit für mich. Eine Woche später stieg ich in den Flieger. Von der Stadt sah ich wenig, ich verbrachte fast den ganzen Tag in der Gruft. Manchmal sollte ich helfen, etwa beim Vermessen der Räume und dem Entziffern der Namen, die auf kleinen Etiketten den Toten nach Jahrhunderten noch eine Art von Individualität verliehen.

Vielleicht hätte mich das stutzig machen sollen, genauso wie die Tatsache, dass der Übersetzer der Expedition zwar Deutschitaliener war, seine Sprachkenntnisse aber zu gering waren, um sich mit den Mönchen zu verständigen, denen die Gruft gehörte. Auch dass die Forscher Särge öffneten, die jahrhundertelang verschlossen geblieben waren, wunderte mich nicht besonders.

Jedenfalls flog ich nach einer Woche zurück und schrieb mit Schwung meinen Text. Kurze Zeit später erschien die Reportage: Im Zirkus der toten Artisten. Und ich war mächtig stolz.

Auch an den zweiten Anruf von der ZEIT erinnere ich mich genau: Er kam ein paar Tage nach Erscheinen. Der für Archäologie zuständige Redakteur, der meinen Text betreut hatte, meldete sich. "Sagen Sie mal", sagte er verwundert, "soeben haben mich die italienischen Forscher angerufen, die seit fünf Jahren in jener Gruft arbeiten, darunter übrigens der Professor, der den Eismann Ötzi untersucht. Er selber hat die Mumien mit Röntgen- und CT-Bildern, 3-D-Scannern und chemischen Analysen untersucht. Und überhaupt: Die Protagonisten aus Ihrem Text seien keine Mumienspezialisten, sondern ziemliche Aufschneider. Vor allem hätten sie gar kein Recht gehabt, an den Mumien zu forschen. Wenn das stimmt, haben wir ein Problem." Das stimmte, wie sich bald herausstellte: "Meine" Forscher hatten keine Erlaubnis. Ich hatte ihrer Version geglaubt und nicht weiter nachgefragt.

Drei Wochen später veröffentlichte der Kollege diesen Text: Mit welchen Tricks sich deutsche Wissenschaftler zu Mumienforschern machen. Inzwischen war die Geschichte bis zum Chefredakteur vorgedrungen, das erfuhr ich aus den Anrufen, die mich regelmäßig über den neuesten (und schrecklichen) Stand informierten. Ich schwitzte Blut und dachte, es könne nun nicht mehr schlimmer kommen. Das war ein Irrtum.

Die Forscher, mit denen ich in Palermo unter der Erde zugange gewesen war, heuerten einen prominenten Medienanwalt an. Seine Kanzlei verklagte die ZEIT vor dem Landgericht Köln.

"Das war’s", dachte ich, "meine Karriere ist vorbei, bevor sie angefangen hat. Jetzt kann ich auch gleich BWL oder Vergleichende Literaturwissenschaften studieren."

Musste ich dann aber doch nicht. Die Klage wurde in allen Punkten abgewiesen, meine Weisheitszähne waren gezogen, und ein Jahr später heuerte ich bei der ZEIT an. Manchmal frage ich mich, warum mein Ressortleiter mich trotz so eines kapitalen Anfangsfehlers eingestellt hat. Aber solange er sich das nicht selbst fragt, ist alles in Ordnung.

Fritz Habekuß ist Redakteur im Ressort Wissen. Siehe auch ZEIT Nr. 36/12