Es war ein Blick in den Abgrund. Mein Kollege Martin Spiewak und ich hatten die Möglichkeit, uns die inzwischen sagenhafte Pisa-Studie anzusehen (Programme for International Student Assessment), kurz bevor sie am 4. Dezember 2001 veröffentlicht wurde und gewaltige Wellen schlug. Wo genau das war, sei hier nicht verraten. Es könnte aber in einem Café einer europäischen Hauptstadt, im Hinterzimmer eines deutschen Kultusministeriums oder auf einer Autobahnraststätte gewesen sein. Unser Informant legte die Studie, sie befand sich in einem Aktenordner, auf den Tisch und ließ uns eine Weile mit ihr allein. Seite für Seite blätterten wir sie durch – mit wachsender Verblüffung.

Wir hatten damit gerechnet, dass Deutschland bei diesem internationalen Vergleich der Schülerleistungen nicht sonderlich abschneiden würde. Doch ein solches Desaster, wie es sich nun zwischen den Aktendeckeln auftat, hatten wir nicht erwartet. Beim Lesen, in Mathematik, in den Naturwissenschaften – überall landeten die deutschen Schüler im unteren Drittel. Fast jeder vierte konnte (mit 15 Jahren!) nicht richtig lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Weltspitze war Deutschland nur in der Ungerechtigkeit: In kaum einem anderen Industriestaat war die Leistung so eng an die soziale Herkunft gekoppelt.

Besonders eine Tabelle hatte uns entsetzt; dort war der Anteil jener Schüler aufgelistet, die nicht einmal über rudimentäre Lesekenntnisse verfügten. Deutschland befand sich in dieser Tabelle mit erschreckend hohen Werten ganz unten, irgendwo zwischen Mexiko und der Russischen Föderation. Weit entfernt von England, Amerika oder Frankreich, mit denen wir uns sonst messen (nicht zu reden von Finnland, das hier erstmals als Bildungsriese auftauchte). Wir guckten ungläubig auf die Tabelle, blickten einander an – uns war klar, dass Pisa wie eine Bombe einschlagen würde. Das tat die Studie dann ja auch, und zwei Tage später konnten die ZEIT-Leser alles über das "Wieso, weshalb, warum" zur Pisa-Studie erfahren. In diesem Fall bewahrheitete sich das Journalisten-Motto "Bad news are good news", die Auflage dieser Ausgabe schoss in die Höhe.

Thomas Kerstan ist Bildungspolitischer Korrespondent der ZEIT. Sein Artikel über den Pisa-Schock erschien am 6. Dezember 2001 in der ZEIT Nr. 50/01