Ich hatte einen Fensterplatz irgendwo in der Mitte des Kleinbusses. Natürlich drängten sich zu viele Fahrgäste dicht an dicht auf den Sitzbänken – mein Rollkoffer mit den Aufzeichnungen aus drei Monaten Recherche musste auf dem Dach deponiert werden. Immerhin, die ungeteerte Straße hatte fast keine Schlaglöcher, sie zog sich schnurgerade durch die Steppe. Und der Bus war auch relativ neu. Mich beruhigte dieses Detail. Es war aber, wie sich später herausstellte, verhängnisvoll.

Ein Stipendium der amerikanischen Nieman Foundation hatte mich 2007 in den Norden Ugandas verschlagen. Ein Jahr durfte ich an der Harvard University Public Health studieren und dann für vier Monate in einem Entwicklungsland meiner Wahl für eine Artikel-Serie in der ZEIT recherchieren. Kurz vor meinen Recherchen war diese Gegend noch Bürgerkriegsgebiet gewesen. Joseph Kony, der Anführer der Lord’s Resistance Army, hatte mit seinen Kindersoldaten ein halbes Jahr zuvor diesen Landstrich terrorisiert. Jetzt herrschte Frieden, und ich wollte nachsehen, wie es um die Gesundheit von Kindern stand und wie gut das Gesundheitssystem funktionierte.

Wir waren vielleicht eine halbe Stunde unterwegs und rasten gerade durch ein weitläufiges Flüchtlingscamp. Wie gesagt, der Bus war gut in Schuss. Das hieß aber auch, dass der Fahrer keine Rücksicht auf angegriffene Achsen nehmen musste und hemmungslos Gas geben konnte.

Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie ein Schatten heranschnellte. Danach knallte es trocken. Der Bus geriet ins Schlingern, neigte sich bedenklich nach rechts und nach links. Hände suchten Halt an Rücklehnen, Fahrgäste schrien entsetzt auf. Abrupt kam der Bus zum Stehen. Ruhe. Wir Fahrgäste schauten uns entgeistert an, prüften unseren Körper und die unserer Mitfahrer. Niemand schien verletzt zu sein. Die Tür auf der Rechten sprang auf, jemand rannte davon. Wir kletterten ins Freie. Draußen war es brüllend heiß. Mir war kalt, ich fühlte mich schon seit einer Weile leer und ausgebrannt. Waren das Nebenwirkungen der Malariatabletten? Das kam vor. Vor mich hin murmelnd lief ich vor dem Bus auf und ab und versuchte zu verstehen, was passiert war. Aus den Hütten in der Umgebung strömten Hunderte Menschen, eine ganze Schulklasse lief auf uns zu.

Langsam begriff ich. Der Bus war in eine Gruppe von Fußgängern gerast und dann in einen großen Stapel roter Ziegel gedonnert. Es gab Verletzte. Auf der Straße hielt schließlich ein Laster. Alle Fahrgäste außer mir hievten die Unfallopfer und sich selbst auf die Ladefläche des Lastwagens. Danach verließen sie hastig den Unfallort. Sie wussten, warum. Es drohte Lynchjustiz. Die geschundenen Menschen in den Flüchtlingscamps hielten oft nicht viel von staatlicher Gerechtigkeit. Sie nehmen solche Dinge lieber selbst in die Hand. Der Mann, der als Erster davonrannte, ahnte was kommen würde: Er war der Fahrer. Manchmal richtet sich der Zorn der Camp-Bewohner dann gegen die Fahrgäste.

Vor der zerschmetterten Frontpartie des Busses scharte sich eine Gruppe um einen bebenden Körper. Instinktiv begriff ich, dass es sein Todeskampf war. Ich war in diesem Moment Unfallopfer, Journalist und Arzt. Doch was zuallererst? Sollte auch ich flüchten? Sollte ich fotografieren und protokollieren, was vor sich ging? Musste ich ihm helfen, als Arzt? Auf dem Busdach lag noch mein Koffer, darin das Recherchematerial. Die anderen waren ohne Gepäck getürmt, ich dachte nur an meinen Koffer. Dann drängte ich mich durch die Menschentraube. Der Mann war inzwischen ganz still – totenstill. Ich fühlte seinen Puls. Nichts, auch kein Atemzug mehr. Es war 17 Jahre her, dass ich praktiziert hatte. Bis auf ein paar Aspirin und meine Malariatabletten hatte ich nichts medizinisch Nützliches bei mir. Es blieben nur meine Hände. Ich versuchte ihn wiederzubeleben. Vergeblich.

Um mich herum hatten Heulen und Klagen eingesetzt. Die Angehörigen drängten heran. Eine Hand packte mich von hinten, zog mich aus der Menge. Vor der zerstörten Frontpartie des Busses stand plötzlich ein blauer Plastikstuhl. Ein junger Mann forderte mich auf, mich zu setzen. Noch überwogen in der Menschenmenge Schock und Trauer, aber ich spürte, dass die Lage brenzlig werden konnte, und setzte mich. Jemand spannte über mir einen Sonnenschirm auf. Mein junger Beschützer stellte sich neben mich und erklärte mir auf Englisch die Szene wie ein Bühnenstück. Es gab offenbar Routine im Umgang mit Toten und Verletzten. "Jetzt decken sie die Leiche ab, damit sie nicht so schnell verwest", sagte der junge Mann und deutete auf die Bastmatte, die einige Menschen über den Toten ausbreiten.

Jeder hier hatte seine Rolle. In der vordersten Reihe die Klageweiber, dahinter noch unentschlossen die schweigenden jungen Männer. Die Kinder, die aus der nahen Schule herbeigelaufen waren, hielten Abstand. Dann näherte sich ein dünner Mann in grauer Uniform. Der magere Polizist holte einen Block und einen Kugelschreiber hervor, inspizierte den Bus, vermerkte alle Unfalldetails und nahm die Aussagen der Umstehenden auf. Er blickte sehr ernst. Ich bat ihn um die Erlaubnis, meinen Koffer vom Dach des Buswracks zu hieven. "Geht nicht", sagte der Polizist leise. Ich versuchte es erneut. "Nein, alles Beweise", sagte er.

Einer der Umstehenden verhandelte mit dem Beamten. Dieser hatte ein Einsehen, der Koffer wurde mir vom Dach des Busses gereicht. Dabei achtete ich nicht mehr darauf, wie die Stimmung kippte. Mein Souffleur zog mich zur Straße, weg von der Menschenmenge. "Es ist sicherer so", sagte er. Er ahnte schon etwas. Der Fahrer, erklärte er mir, sei früher Mitglied der Mörderbande von Joseph Kony gewesen. Viele dieser Verbrecher seien inzwischen Busfahrer – eine Art Resozialisierung. Doch seit Frieden herrscht, gäbe es viel mehr Verkehrsunfälle. "Früher haben sie uns mit Kugeln getötet, heute mit Bussen."

Für das Opfer konnte ich nicht viel tun, ich versuchte mich zu beruhigen. Ohne Medikamente, ohne Instrumente, ohne Infusionslösungen hätte ich an diesem entlegenen Ort wohl nicht viel ausrichten können. Mein Beschützer versuchte mich noch aufzumuntern, bevor ich aufbrach. "Nach diesem Unfall gehörst du jetzt zu uns", sagte er. Ein Pick-up hielt auf der Strecke. Am Steuer saß ein Pfarrer, wir rasten davon.

Harro Albrecht ist Redakteur im Ressort Wissen. Siehe auch ZEIT Nr. 2/08