Wenn du Experte in etwas werden willst, so heißt es, dann übe 10.000 Stunden lang. Glücklicherweise habe ich noch nie auch nur annähernd eine Stunde gebraucht, um eine Windel zu wechseln. Also bin ich bis heute kein Wickelexperte geworden. Aber ich verfüge über einen großen Partytalk-Fundus zum Thema Windeln. Ihn verdanke ich der Recherche für einen ZEIT-Artikel. Es ist wahrscheinlich der seltsamste Text, den ich im Wissen-Ressort veröffentlicht habe. Auf jeden Fall wurde er von meiner Lebenslage geprägt wie kein anderer. Manche unserer Artikel entstehen von Montag auf Dienstag, andere reifen über Wochen und Monate. Die Entstehung dieses Beitrags kann ich anhand einer alternativen Zeitleiste skizzieren – dem Stand meines Windelzählers:

0 Windeln (März 2012) – Meine Frau und ich werden Eltern von Drillingen. Eine Kinderkrankenschwester führt uns in die Kunst des Wickelns ein. Nach drei Jahren als Wissen-Redakteur gehe ich in Elternzeit, begleitet von Scherzen: "Wickeleinsatz!" Immer, wenn ich Windeln kaufe, trage ich die Zahl in eine Tabelle auf meinem Computer ein.

4.496 Windeln (Juli 2013) – Nach 14 Monaten Elternzeit und viereinhalbtausend Windeln kehre ich in die Redaktion zurück. Die Kollegen frotzeln, fragen, ob ich etwas über das Vaterhandwerk schreiben wolle. Ich kokettiere: Nein, doch nichts Persönliches! ...

5.496 Windeln (Oktober 2013) ... Aber ein paar handwerkliche Fragen reizen mich schon: Wie funktioniert so eine Windel im Detail? Ihre Chemie, ihre Physik? Ich fange an, Material zu sammeln, lese mich in die Geschichte dieses Wegwerfprodukts ein.

8.398 Windeln (Juli 2014) – Im Forschungszentrum des Pampers-Herstellers Procter&Gamble besuche ich das Prototypen-Labor, in dem die Erlkönige der Windelwelt getestet werden. Und ich lerne: Es heißt nicht "Pipi", die Windelingenieure sprechen von "Beladung".

9.172 Windeln (Oktober 2014) – In Duisburg stellt der Chemiekonzern Evonik das saugkräftige Granulat her, das im Kern jeder Windel steckt. Die Entwickler erzählen mir, wie sie die mikroskopischen Strukturen verändern. Und dass Granulat für Erwachsenenmodelle kniffliger ist als für Babywindeln, denn der älteren Zielgruppe ist Diskretion besonders wichtig.

9.582 Windeln (Dezember 2014) – 14 Monate nachdem ich mit der Recherche angefangen habe, ist der Artikel endlich geschrieben. 14 Monate, noch mal solange wie die Elternzeit? Tatsächlich war die Windelrecherche ein Langzeitprojekt. Es gab ja keinen Zeitdruck, einerseits. Andererseits war es mit drei kleinen Kindern zu Hause auch nicht ganz leicht, auswärtige Recherchetermine wahrzunehmen.

9.690 Windeln (Dezember 2014) – Unter der Überschrift In Windeln gewickelt erscheint der Text im Wissen-Ressort der Weihnachtsausgabe. Passend zum Termin, haben unsere Grafiker dem Jesuskindlein auf Marias Arm eine Windel retuschiert. Ich muss an all die Mütter (und Väter) vor Erfindung der Wegwerfwindel denken und bin heilfroh über den technischen Fortschritt.

11.400 Windeln (August 2015) – Bei der Recherche habe ich gelernt, dass ein Kind im Schnitt 3.800 Exemplare verbraucht, bevor es, nun ja, keine mehr braucht. Meine Kinder lassen diese Marke lässig verstreichen. Man kann sich eben doch nicht auf alles verlassen, was in der Zeitung steht.

Stefan Schmitt ist stellvertretender Ressortleiter im Ressort Wissen. Siehe auch ZEIT Nr. 53/14