Sie hatten vor 18 Jahren den Mut, einen Text in der ZEIT zu veröffentlichen, den ich geschrieben habe, um für Laien den Nutzen der grünen Gentechnik zu erklären. Damals war alles noch recht neu und unerprobt. Für Biologen wie mich war aber bereits klar, welch vielversprechende Anwendungsmöglichkeiten sich hieraus ergeben könnten.

Damals habe ich in Diskussionen mit Freunden und Verwandten bemerkt, wie wenig diese sich auskannten, wie ahnungslos sie waren, was die Herkunft von Getreide, Obst und Gemüse angeht. Sie waren wahrscheinlich ebenso ahnungslos wie Ihr Kollege, der berühmte Gourmet Wolfram Siebeck, der die Gentechnik zuvor in seiner Kolumne rundweg abgelehnt hatte – und an den sich mein Text als offener Brief richtete.

Eine Stelle, die von der ZEIT gestrichen wurde, weil der Artikel etwas zu lang geraten war, hieß: "Stimmt es, dass Sie keinen Garten haben und Ihr Gemüse nicht selbst anbauen? Wissen Sie, wie man Pflanzen vermehrt? Kennen Sie sich wirklich mit Gemüse- und Obstsorten aus?"

Diese Frage richtete sich natürlich stellvertretend an die allermeisten Bundesbürger. Ich hoffte damals, dass es genügen würde, die wichtigsten genetischen Grundlagen der Pflanzenzüchtung zu erklären, um die Vorteile der neuen Methode sichtbar zu machen. Darin habe ich mich getäuscht. Aber ich sehe mit Genugtuung, dass das, was ich 1998 über das Potenzial dieser Technik geschrieben habe, sich als zutreffend herausgestellt hat.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Umso mehr ärgere ich mich darüber, mit welcher Unkenntnis und Unvernunft die Anwendung dieser neuen Verfahren in Forschung und Praxis immer noch politisch bekämpft werden. Pflanzengentechnik findet in Deutschland nur noch im Labor statt. Das regt mich auch deshalb auf, weil Deutschland eine lange Tradition in landwirtschaftlicher Forschung vorzuweisen hat und diese Forschung sehr entscheidende Beiträge zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt geleistet hat.

Es gibt drei Aspekte, die mir am Herzen liegen und bei denen der Einsatz von gentechnischen Methoden große Bedeutung erlangen könnte:

1. Die Ernährung der Weltbevölkerung. Bei steigenden Bevölkerungszahlen ist das im Wesentlichen ein Problem der nachhaltigen Nutzung von Anbauflächen, die sich nicht vergrößern lassen, ohne Urwald zu roden oder verseuchtes Land wieder fruchtbar zu machen. Die Bekämpfung des Welthungers geht uns alle an, und unsere Forschung hat die Pflicht, sich dafür einzusetzen.

2. Die Qualität und damit die Haltbarkeit, der Geschmack, die Gesundheit unserer Nahrungsmittel. Diese sind mir als Hobbygärtnerin und -köchin besonders wichtig – daher auch mein Brief an den Koch Wolfram Siebeck.

3. Der Naturschutz. Er liegt mir am meisten am Herzen. Ich bin der Überzeugung, dass die Einsparung von Pflanzenschutzmitteln, welche beim Anbau von gentechnisch modifizierten Pflanzen ermöglicht wird, sich positiv auf den Artenreichtum, die Vogelwelt, die Schönheit unserer Landschaften auswirken würde.

Statt innovatives Saatgut zu entwickeln, treiben wir hervorragend ausgebildete Wissenschaftler ins Ausland. Dabei hat die Forschung ihr Potenzial noch gar nicht richtig entfalten können. Es können Pflanzen gezüchtet werden, die besser an ungünstige Wachstumsbedingungen, an versalzene Böden oder Trockenheit angepasst sind. Neue, ungleich präzisere Methoden der Gentechnik lassen noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten denkbar erscheinen.

Meine Vision ist die Anwendung derart entwickelter Sorten und neuer Anbaustrategien im ökologischen Landbau, um die Vorteile beider Verfahren zum Schutz unserer Natur, zur Ertragssteigerung und der Gewinnung unbelasteter Nahrungsmittel zu verbinden. Darum müssen wir die Debatte um die grüne Gentechnik in Deutschland unbedingt fortsetzen.

Für solche Debatten, für wichtige Kontroversen über komplexe Themen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik brauchen wir die ZEIT, weil sie vorurteilsfrei auf hohem Niveau informiert.

Siehe auch ZEIT Nr. 48/98

Christiane Nüsslein-Volhard forscht am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. 1995 wurde sie mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet