Wahrscheinlich hat jedes große Feuilleton in den vergangenen sechs Jahrzehnten einen gehabt wie mich: einen Grass-Beauftragten. Günter Grass war ein eigenes Fachgebiet, die Ein-Mann-Partei mit singulärem Programm, destilliert aus den spektakulären Wendungen eines Lebens, in dessen Verlauf ein Kleinbürgerkind, SS-Mitglied, Kriegsversehrter, Vertriebener, unbegleiteter junger Flüchtlingsmann aus dem Osten ohne Schulabschluss, ein Hilfsarbeiter, Grabsteinrecycler und abgebrochener bildender Künstler zu einem der größten Stars der Weltliteratur aufstieg. Mit seinem Sendungsbewusstsein, seinem Engagement, vor allem aber mit seinem nie erlahmenden Arbeitseifer als Schriftsteller war er ein Weltkonzern en miniature, Nobelpreisträger Inc., im Vorzimmer des Chefs die engelsgeduldige Sekretärin, Frau Ohsoling. Grass, ein deutsches Qualitätsprodukt und Exportschlager. Den muss man im Auge behalten, darum muss sich jemand kümmern. In der ZEIT war das ich – zehn Jahre lang, bis zu seinem Tod. Und darüber hinaus.

Der inoffizielle Titel des Grass-Beauftragten ist ein Wanderpokal. Leicht hat es Grass niemandem gemacht, das führte zu Abnutzungserscheinungen, mitunter mussten frische Kräfte ran. Der Erste, der sich bei uns um G. G. kümmerte, war Marcel Reich-Ranicki. Im Januar 1960 rezensierte er, damals freier ZEIT-Journalist, die Blechtrommel. Reichlich spät kam die Besprechung, das Buch war schon im Herbst zuvor erschienen; warum die damaligen Kollegen so lange warteten, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Hatten sie den unbekannten Debütanten verkannt? Sicher ist nur, dass "RR" versuchte, die Verspätung mit der Verve seines Verrisses vergessen zu machen. "Spielereien und Schaumschlägereien verderben die Zeitkritik", heißt es schon in der Unterzeile. Grass sei "ein geborener, wenn auch vorläufig noch keineswegs ein guter Erzähler, von der Sorte jener geigenden Zigeunervirtuosen, deren effektvolles Spiel das Publikum zu hypnotisieren vermag". So schrieb man damals. "Die Sache wird erst bedenklich, wenn man virtuose Darbietungen dieser Art mit Kunst zu verwechseln beliebt."

Reich-Ranicki hat sein Urteil später revidiert, doch blieb sein Verhältnis zu Grass zwiespältig. Mit dem langjährigen Feuilleton-Chef Fritz J. Raddatz verband Grass eine durchaus engagierte Freundschaft – bis Raddatz seine Tagebücher veröffentlichte. "Unappetitlich" fand Grass die so unterhaltsamen wie schamlosen Betriebsnudeleien, außerdem sei mindestens die Hälfte gelogen. Da war ein über Jahrzehnte mühsam gewebtes Tischtuch mit einem Ratsch zerrissen. Das Verhältnis zu Raddatz’ Nachfolgern Ulrich Greiner und Iris Radisch gestaltete sich ebenfalls kompliziert, weil Grass geliebt werden wollte – und sie auf kritischer Unabhängigkeit beharrten. Den Verriss seines Wenderomans Ein weites Feld hat der Autor der Kollegin Radisch bis zu seinem Tode nicht recht vergeben.

Und so kam ich ins Spiel, als Unschuld vom Lande. Ich kannte den Mann nicht persönlich, nur seine Bücher. Und über die hatte ich noch nie geschrieben, außer in der Schule, wo die Novelle Katz und Maus zum Pflichtstoff gehört, und in der Universität, wo ich mit dem literaturtheoretischen Besteck des Russen Michail Bachtin (Literatur und Karneval – Zur Romantheorie und Lachkultur) die Hundejahre sezierte. Unbefangen, aber im Thema – so wurde ich auserkoren, um Grass auf einer seiner Auslandsreisen zu begleiten. Diese Exkursionen hatten immer etwas von Staatsbesuchen: Honoratioren am Flughafen, Polizeieskorte in die Stadt, Einträge in Goldene Bücher, egal, ob es in seine Heimat nach Danzig ging, zum deutsch-russischen Schriftstellertreffen nach St. Petersburg oder nach Kalkutta. Dort begegneten wir uns zum ersten Mal, am Pool des Grandhotels Oberoi.

Die noble Unterkunft war nicht seine Idee; Grass, dessen Garderobe in den ersten Nachkriegsjahren aus der Altkleidersammlung der Caritas stammte, machte sich zeitlebens nicht viel aus Luxus. Grass wollte auch nicht nach Kalkutta, um dort Hof zu halten. Ihn interessierte, was aus dem Calcutta Social Project geworden war, einer Hilfsinitiative für Kinder, die auf den Müllkippen der Stadt heranwachsen.

1986 war Grass darauf gestoßen, als er zusammen mit seiner Frau Ute mehrere Monate in dem Moloch gelebt hatte; seither unterstützte er das Projekt zusammen mit einem Freundeskreis großzügig. "Es hat mein Leben verändert", sagte er mir, während wir uns durch die rußschwarze Pestluft der Stadt quälten. Unermüdlich, wissbegierig, furchtlos scheuchte er mich und den Rest des Trosses eine Woche lang durch die atemberaubende Stickigkeit der Kali-Tempel, durch das Gewirr der Slums und die Überfülle des Bahnhofs, hinein in die aschfahle Totenstille des Sterbehauses von Mutter Teresa.

Vor der Reise hatte man mich vor seiner Rechthaberei und Moraltrompeterei gewarnt – ich aber erlebte einfach nur einen glühend anteilnehmenden Menschen in Aktion. Und bewunderte die Kondition des bald 80-Jährigen, der es bei einer Bootstour auf dem Hugli River noch schaffte, inmitten des Trubels stimmungsvolle Skizzen der Flusslandschaft anzufertigen.