Einmal habe ich als ZEIT-Reporter eine große Lüge in die Welt gesetzt – aus reiner Wahrheitsliebe. Vor zehn Jahren war das, ich war jung, neu in der Redaktion und staunte angesichts der Freiheiten und Möglichkeiten, die diese Zeitung ihren Journalisten bietet. Gemeinsam mit meinem Kollegen Stefan Willeke arbeitete ich damals an einer weltumspannenden Geschichte: Am Beispiel eines Rasierapparats der Firma Braun wollten wir die Globalisierung erklären. Wer stellt wo auf der Welt das Scherblatt her, wer setzt den Akku zusammen, wer gießt das Plastikgehäuse? Und unter welchen Arbeitsbedingungen geschieht das alles?

Willeke und ich brauchten Wochen, bis wir zu jedem Bauteil die entsprechende Fabrik gefunden hatten. Ein paarmal flogen wir nach Frankfurt; Braun hat seinen Firmensitz in Hessen. Die meiste Zeit verbrachten wir damit, Ingenieure zu interviewen, technische Baupläne zu entschlüsseln und mit skeptischen Zulieferern zu telefonieren. Wir trieben uns in Orten wie Kronberg (im Taunus), Walldürn (im Odenwald) und Sokolov (in Tschechien) herum. Dazu flog der Kollege nach China, ich nach Irland, Schweden und Marokko.

China, Irland, Schweden, Marokko: Jeder altgediente Reporter hätte da von vier Flugreisen gesprochen, allenfalls von acht Flügen, nämlich hin und zurück. Ich zählte anders. Aus Dankbarkeit. Und weil ich damals Flugangst hatte. Nach Marokko zu fliegen bedeutete demnach, gleich vier Mal mein Leben zu riskieren: Hamburg–Madrid, Madrid–Casablanca, Casablanca–Madrid, Madrid–Hamburg. Nicht ein Flug, sondern vier! Bei der China-Reise meines Kollegen Willeke, einer extrem komplizierten Gabelflug-Konstruktion mit den Eckpunkten Hamburg, Paris, Hongkong und Shanghai, kam ich sogar auf zehn. Rein rechnerisch korrekt. Mein Fehler war: Ich weihte Willeke nicht in meine angstgetriebene Arithmetik ein.

Ein Jahr später erhielten wir für unseren Artikel einen bedeutenden Journalistenpreis. Im Publikum saßen unter rund 1.000 Zuschauern geschätzt 2.000 Chefredakteure und Verlagsleiter. Ich war aufgeregt. Auf der Bühne des Schauspielhauses in Hamburg moderierte Günther Jauch, was die Aufregung nicht linderte. Jauch sagte mit der ihm eigenen Jovial-Ironie, das sei wohl eine "sehr teure" Recherche gewesen. Er ließ nicht locker bei der Frage, wie hoch Aufwand und Kosten genau gewesen seien.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Irgendwann sagte ich: "Es waren 32 Flüge."

32 Flüge?! Neben mir auf der Bühne erstarrte Stefan Willeke.

32 Flüge?! Schweigen im Saal.

32 Flüge?! Wir standen da wie der Großkotz in Person.

32 Flüge?! Der grüne Neid der Kollegen war uns sicher.

Den Rest des Abends verbrachte ich in diesem magendrückenden Unwohlsein, das jeden befällt, der sich auf einer Feier versehentlich danebenbenommen hat. In meiner Erinnerung hat uns kaum jemand gratuliert, da war nur Kollegengetuschel: "Mit den Mitteln hätten wir auch ... Wettbewerbsverzerrung ..." In den Tagen darauf las ich auf den Medienseiten einiger Zeitungen mal von "sagenhaften", mal von "spesentreibenden" 32 Flügen.

Die 32 hat mich ein paar Jahre lang begleitet, wie eine Rückennummer, wenn nicht wie ein Brandmal. Mein eigener Chefredakteur, so mein Eindruck, wurde immer nervös, wenn ich irgendwo eine Bühne bestieg. Eine Zeit lang habe ich fast nur Geschichten aus Deutschland geschrieben, Ablass-Artikel, bei denen kaum Spesen anfielen. Ich fuhr viel Straßenbahn. Einmal gab ich eine Reisekostenabrechnung in Höhe von null Euro ab.

Mittlerweile gelte ich im Verlag als sparsam. Und wenn die Rede noch mal auf die 32 kommt, hat sich im Ton etwas geändert. Nach zehn Jahren Medienkrise, Sparprogrammen und Entlassungen in anderen Zeitungshäusern gibt es Kollegen, die sagen, mein Auftritt damals sei so etwas wie ein Fanal gewesen. Eine gute Recherche braucht nun mal Zeit und meist auch Geld. Enthüllung und Erkenntnis sind nicht kostenlos zu haben. Es gibt jetzt Leute, die sagen, ich hätte damals ein herausragendes Plädoyer für den Qualitätsjournalismus gehalten.

Wenn auch aus Versehen.

Henning Sußebach ist Redakteur und Reporter im Ressort Dossier. Siehe auch ZEIT Nr. 11/05