Es war ein Zufall, dass der Interviewtermin ausgerechnet an diesem Tag stattfand: Der südkoreanische Oppositionsführer Kim Dae Jung lud uns am Montag, dem 29. Juni 1987, zum Mittagessen ein. Wochenlang hatten in Südkorea Hunderttausende Menschen gegen das Militärregime demonstriert, Demokratie und eine Direktwahl ihres Präsidenten gefordert, nun wollte der charismatische, soeben aus dem Hausarrest entlassene Oppositionsführer deutschen Journalisten sagen, wie es weitergehen könne in seinem Land. Plötzlich, am Morgen des 29. Juni, ein politisches Erdbeben, das Südkorea verändern sollte: Ein General namens Roh Tae Woo verkündete öffentlich ein Acht-Punkte-Programm, das fast alle Forderungen der Opposition erfüllte – und dem von Generälen verfolgten und geschundenen Kim seine bürgerlichen Rechte zurückgab.

Es war nicht das erste Mal, dass die spätere Spiegel-Journalistin Birgit Schwarz und ich Kim Dae Jung trafen. Wie andere Koreaner in herausgehobener Stellung hatte auch er etwas Autokratisches, fast Unnahbares. Das verlor sich schnell, wenn er uns humpelnd und auf einen Stock gestützt zur Tür begleitete. Die physische und die psychische Erscheinung dieses Mannes sprach von der Gewalt, die ihm angetan worden war – und seinem Willen, nicht aufzugeben. An jenem Junitag freute sich Kim, natürlich. Er sprach wie so oft vom "Willen des Volkes", er sagte, nun müssten die Generäle beweisen, dass es ihnen ernst sei. Und er kündigte an, einem früheren Versprechen zu folgen: Er wolle nicht selbst in einer nun möglichen freien Wahl für das Amt des Präsidenten kandidieren. Wir schickten seine Worte über die Deutsche Presse-Agentur in die Welt.

Es folgten ausgelassene Tage. Die Aufstandspolizei verzog sich von den Straßen Seouls; eine halbe Million Menschen feierte vor dem Rathaus. Am Ende des Sommers folgte allerdings Ernüchterung. Die Opposition konnte sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl einigen. Kim Dae Jung brach sein Versprechen und verlor gegen den General Roh Tae Woo. Fünf Jahre später verlor er erneut.

Kim Dae Jung gab nicht auf. 1997 wählten die Südkoreaner den Mann, der 1982 wegen seiner politischen Aktivitäten zum Tode verurteilt worden war, doch zum Präsidenten. Kim setzte sich die Aussöhnung mit Nordkorea zum Ziel und schüttelte im Jahr 2000 bei einem Staatsbesuch dem dortigen Machthaber Kim Jong Il die Hand. Im selben Jahr bekam er für seine "Sonnenscheinpolitik" den Friedensnobelpreis.

Nach jenem denkwürdigen Tag im Juni 1987 habe ich Kim Dae Jung noch einige Male getroffen. Im Gedächtnis geblieben ist mir dabei eine kurze, heftige Debatte über das Wesen der Demokratie. Ich hatte ihn gefragt, ob es auch eine andere, "asiatische" und autokratischere Form der Demokratie gebe – darüber dachte man in China, Singapur und Malaysia nach. Es war das einzige Mal, dass ich Kim wütend erlebte. Menschenrechte seien unteilbar, herrschte er mich an: Demokratie gebe es nicht nur für einige, Demokrat könne nicht nur jemand aus dem Westen sein.

Im Oktober 2009 starb Kim Dae Jung. Bei seinem Staatsbegräbnis in Seoul verbeugte sich auch Chun Doo Hwan vor Kims großem Foto. Derselbe General, der ihn wenige Jahrzehnte zuvor zum Tode hatte verurteilen lassen.

Christian Tenbrock ist Redakteur im Wirtschaftsressort, zurzeit freigestellt als Mitglied des Betriebsrats. Siehe ZEIT Nr. 25/88