Ich glaube, es geschah Ende 2005. Vielleicht Ende 2006, aber je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich, dass es Ende 2005 geschehen sein muss. Angela Merkel war Kanzlerin geworden, wir waren Papst, George W. Bush war wieder Präsident geworden. Und ich arbeitete seit einigen Monaten für die ZEIT.

Ich hatte einen Autorenvertrag im Gesellschaftsressort Leben. Ein Ressort, das kurz darauf ZEIT-magazin Leben hieß und bald darauf nur noch ZEITmagazin. Das kleine Ressort war in Berlin beheimatet, was den kleinen Vorzug hatte, dass die Hamburger Zentrale unendlich weit weg schien und die Chefredaktion auch. Der kleine Nachteil war jedoch, dass man die Narrenfreiheit niemals auskostete. Die Abwesenheit des Chefredakteurs bewirkte, dass er immer besonders präsent war, als vorauseilendes schlechtes Gewissen. Jedenfalls waren die Kolleginnen und Kollegen immer viel fleißiger, aufopferungsvoller und motivierter als in Hamburg. Denn immer, immer lauerte der Verdacht, dass man auf der prachtvollen Dachterrasse, fern der Zentrale, nur Sangria trank und vor sich hin blödelte. Dabei war sie immer verwaist, auch zur Sommerzeit. Der Verdacht, dass jemand einen Verdacht haben könnte, ist sehr arbeitsmotivierend.

Christoph Amend, der Ressortleiter, war wahnsinnig jung (wie ich, so um die 30) und hatte wahnsinnig viele und gute Ideen. Manchmal fürchtete man sich davor, dass er wegen einer wahnsinnig guten Idee anrief, denn das lief manchmal auf wahnsinnig viel Arbeit hinaus. Wenige Tage vor Silvester rief er mich an, und – man kennt ja die Chefs – schon die Stimme (die besonders gute Laune!) klang nach einer Anregung für einen Artikel, die man eher nicht ablehnen sollte. Die Idee war wirklich sehr gut. Angela Merkels Vater werde, sagte Amend, in einer kleinen Kapelle im Brandenburgischen bei oder in Templin eine Neujahrsansprache halten. Das wisse kaum jemand, eigentlich niemand. Eine ganz kleine Gemeinde werde sich versammeln, und ich würde darunter sein. Wäre das nicht suuuper?

Da hätte man einerseits hier die Neujahrsansprache der Kanzlerin im Fernsehen und andererseits dort den kleinen Ortstermin beim Vater, bei Horst Kasner. Das werde ein fantastischer Artikel. Ruhm und Ehre und so weiter.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Es war ein sehr kalter Morgen in den ersten Januartagen, vielleicht war es sogar Neujahr, das weiß ich nicht mehr genau. Ich hatte unter Mühen einen Freund, den Künstler Kai Weller, dazu überreden können mitzukommen. Man fährt ins Brandenburgische ja nie allein. Das hatte ihn überzeugt. Wir stiegen in meinen alten, winzigen Seat Marbella, und es war noch eine Zeit, in der man sich die Frage stellte, ob der Wagen im Winter überhaupt anspringt. Er sprang an, beste Laune ohne rechten Grund. Irgendeine Musik. Bald schon hatten wir die längst stillgelegten, unfassbar hässlichen Industrieanlagen im Rückspiel, verließen eine dieser sibirischen Ausfallstraßen der viel zu groß geratenen Hauptstadt und befanden uns auf einer verwunschenen Allee Richtung Norden.

Wie schön es war! Diese schneebehängten Bäume, leichter Schneefall, die munteren Scheibenwischer. Als wäre man irgendwann irgendwo.

Ab und an kamen uns Autos entgegen. Wir unterhielten uns, ich weiß nicht, worüber. Und dann passierte etwas in Zeitlupe. Der Wagen scherte nach links aus, auf die andere Fahrbahn, und reagierte nicht mehr auf das Lenkrad. Es muss eine sehr glatte Stelle gewesen sein. Ich sah zwei Autos, die uns entgegenkamen. In großer Ruhe, wie mir heute scheint, beobachtete ich, wie wir genau durch die Lücke fuhren, die sie voneinander trennte. Irgendjemand hupte. Ich sah jetzt zwei Bäume. Wir fuhren genau durch die Lücke, die sie voneinander trennte, und gerieten unter höllischem Ruckeln auf einen schneebedeckten Acker. Nach langen Sekunden kamen wir zum Stehen und stiegen sehr rasch aus – auch weil die Kühlerhaube des arg ramponierten und seltsam verzogenen Seats dampfte. Beabsichtige er, mit einem Knall aus dem Leben zu scheiden?

Wir standen in knietiefem Schnee. Haben wir uns umarmt? Ich weiß es nicht mehr.

So war ich beinahe zu meiner besten Geschichte für die ZEIT gekommen.

Adam Soboczynski leitet seit 2013 das Feuilleton. Ein Auto besitzt er nicht mehr