Im Jahr 2008 nahm ich im Auftrag unseres Reise-Ressorts an einem Rennen teil, das manche für Wahnsinn halten. Ich sollte mit sechshundert Ausdauersportlern auf den höchsten Berg Deutschlands rennen. 2.000 Höhenmeter sind beim Zugspitz-Extremberglauf zu bewältigen.

In jenem Jahr lief alles anders als geplant. Ein Schneesturm zog auf, in der Kälte starben am Berg zwei Läufer. Ich schrieb darüber als Beteiligter, der den Gipfel erreicht hatte. Einer der Leser kritisierte das so: "Steht in diesem Artikel einmal etwas von Mitleid oder Mitgefühl für die, die es nicht geschafft haben? Ich habe das doch schmerzlich vermisst. Stattdessen immer wieder Kommentare, dass er selbst (der Autor) es viel besser gemacht hat oder konnte. Das ist nicht nur selbstherrlich, sondern auch in einem bedenklichen Maß gefühllos. Ich finde die Art, wie der Bericht verfasst ist, eine Ich-bezogene Schande."

Anders als die meisten anderen Teilnehmer hatte ich einen kleinen Rucksack dabei – mit Stulpen, Jacke, Mütze. Ich fand es richtig, darüber zu schreiben, dass viele die Warnungen des Veranstalters ignoriert hatten. Ein erschütternd großer Teil der Läufer wagte sich an jenem Tag trotz Dauerregens und Schneefalls ohne geeignete Ausrüstung in eine lebensfeindliche Umgebung: Kurze Hose und Träger-Shirt reichen nicht im schneebedeckten Hochgebirge.

So ergaben sich zwei Bereiche, über die ich schreiben konnte: meine persönlichen Erfahrungen während der gut drei Stunden in Regen, Wind und Schnee sowie meine Kritik an den meisten Mitläufern, die mit ihrem Verhalten die Tragödie erst ermöglicht hatten. Sie liefen auf die Zugspitze, ohne darauf vorbereitet zu sein. Meine Kritik zielte auch auf die Toten. "De mortuis nil nisi bene", heißt es zwar. Aber manchmal ist es richtig, auch von Fehlern zu berichten, die spätere Opfer leichtsinnig begangen hatten.

Zumal damals eine kleine Hexenjagd begann. Viele machten den Veranstalter des Zugspitz-Extremberglaufs für die Toten verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein, es kam zum Prozess. Ich nahm in einem weiteren Artikel zu dem Thema in der ZEIT Partei – für den Veranstalter.

Viele Jahre nach der Tragödie bin ich über zwei Dinge froh. Zum einen über den Freispruch für den Veranstalter. Ihm konnte keine Mitschuld nachgewiesen werden. Das Votum bestätigt, dass jeder, der sich auf das Hochgebirge und ein möglicherweise "wahnsinniges" Abenteuer einlässt, zu einem Teil selbst für seine Sicherheit sorgen muss. Zum anderen bin ich froh über den Zuwachs an Klugheit. Bei späteren Hochgebirgsläufen glaube ich festgestellt zu haben, dass mehr Läufer warme Sachen dabeihatten.

Auch ich habe Lehren aus dem Rennen auf die Zugspitze gezogen. Damals glaubte ich, trotz schlimmster je erfahrener Kälte noch Herr meiner Situation gewesen zu sein. Im Nachhinein bin ich mir da nicht mehr sicher. Im Ziel konnte ich nicht mehr richtig reden, weil sich meine unterkühlten Kiefer kaum mehr bewegen ließen. Meine Hände waren so klamm, dass ich am Ziel einen Helfer brauchte, der meine Schnürsenkel öffnete. Außerdem dauerte es fast zwei Stunden, bis ich aufhörte zu zittern. Besonders nachdenklich stimmen mich die Fotos, die mich bei der Ankunft am Ziel zeigen. Ein erschreckend ausgemergeltes Gesicht ist zu sehen, das mich heute befremdet.

Die Lust, Berge hochzulaufen, haben mir die damaligen Ereignisse trotzdem nicht nehmen können. In stundenlangem Trab, in meditativer Gleichförmigkeit einen Höhenmeter nach dem andern zu bewältigen und am Ende vom Gipfel ins Tal zu schauen: Das ist ein Rausch. Aus diesem Grund gibt es in unserer Welt so viele Adrenalin- und Endorphinjunkies. Eine Spezies, der ich nur zu gern angehöre.

Urs Willmann ist Redakteur im Ressort Wissen und schreibt über Archäologie, Berge, Bier und Sport. Siehe ZEIT Nr. 30/08