Ein Abo, denkt Wolf, als er am 24. Dezember 2012 das schuhkartongroße Paket unter dem Weihnachtsbaum öffnet und als Erstes ein ZEITmagazin sieht. Er nimmt es in die Hand und sieht jetzt, was darunter im Karton liegt: ausgedruckte E-Mails, Fotos von Frauen. "Ich habe eine Kontaktanzeige im ZEITmagazin für dich aufgegeben", sagt seine Zwillingsschwester Anika. Wolf verdreht die Augen.

Gut, er wird 35, und er hat noch nie eine längere Beziehung gehabt. Aber er hat einen guten Job bei einer Großbank in Zürich, er hat tolle Freunde, reist um die Welt. Er hat nicht das Gefühl, dass in seinem Leben etwas fehlt. Und jetzt teilt seine Schwester ihm vor der ganzen Familie mit, dass sie das anders sieht, noch dazu gedruckt auf Seite 74 im ZEITmagazin. Mit seiner Festtagsstimmung ist es vorbei.

Einen Monat zuvor, im November, grübelte Anika über ein Weihnachtsgeschenk für ihren Bruder. Auch wenn er immer das Gegenteil behauptet, dachte sie: Was er wirklich mal gebrauchen könnte, wäre eine Freundin. Ihr Bruder ist ein herzensguter Kerl, ein bisschen zu sehr Kumpeltyp vielleicht. Mit einem Gutschein für eine Online-Partnerbörse bräuchte sie ihm nicht zu kommen, er würde sich sowieso nicht anmelden. Anika, ZEIT-Abonnentin, fielen die Anzeigen im Magazin ein. Sie sucht ihn. Er sucht sie. Vollendete Tatsachen, das war besser.

"Meinem Zwillingsbruder, 34", tippte sie also, "perfekter Schwiegersohn, genussvolles Bärchen, parkettsicher, Englandfan, Familienmensch und sehr ansehnlich, fehlt eine ..." Ja, wie sollte "sie" sein? Anika überlegte. Lieb müsste sie sein. Aber ihm auch Paroli bieten können. Unabhängig sollte sie sein und gerne unterwegs. Aber auch ein Familienmensch. Das Problem: Jedes Wort kostete Geld. Eine gestandene Frau, könnte sie schreiben. Klang total bescheuert. Sie schrieb: " ...fehlt eine Süße zum Nestbauen in Zürich oder sonstwo. Bist Du lieb, lustig und mutig genug zu schreiben?"

"Eine Süße zum Nestbauen"? Diese vier Wörter stören Wolf am meisten, niemals im Leben hätte er das selber geschrieben! So eine Frau will er doch gar nicht. Ob wegen dieser Formulierung die beiden Professoren auf der Suche nach einem Lebenspartner für ihre Töchter geschrieben haben?

39 Briefe und E-Mails sind eingegangen. Anika, die ihm das alles eingebrockt hat, sortiert sie zusammen mit ihrer Mutter in kleine Stapel, die beiden amüsieren sich bestens. Eine Mutter wirbt mit ihrer "Rubens-Tochter", eine Russin braucht einen Schweizer Pass. Wolf schmollt. "Ich sage denen allen ab", motzt er.

Nach den Feiertagen setzt er sich an seinen Computer. "Vielen Dank für Ihr Interesse, aber ...", tippt er immer wieder. Aber nur 38-mal.

Denn unter den Zuschriften gibt es ein Foto, das ihn nicht loslässt. Es zeigt das Gesicht einer blonden Frau, eingerahmt von weißen Apfelblüten. Das Foto ist im Alten Land in Hamburg aufgenommen, dort lebt die Frau. Auf dem Bild lächelt sie, und es ist ein schönes Lächeln, offen und natürlich. Die Frau auf dem Bild heißt Mareike, aber geschrieben hat ihre beste Freundin Tanja.

Diese Tanja, das wird Wolf später erfahren, hat Mitte Dezember ihre beste Freundin Mareike in Hamburg besucht, die dort promoviert. Für die Zugfahrt hatte Tanja die ZEIT von der Woche zuvor mitgenommen, sie war noch nicht durch.