Meine erste Veröffentlichung in der ZEIT war ein Leserbrief. Ich schrieb ihn einige Wochen nach dem 11. September 2001, damals studierte ich Arabistik in Göttingen. Der Artikel, zu dem ich mich äußerte, hatte vom Besuch eines ZEIT-Reporters an der Azhar-Universität in Kairo gehandelt, der wichtigsten Institution des sunnitischen Islams.

In meinem Leserbrief beschwerte ich mich über Sätze wie "An der Azhar-Universität scheinen die Uhren im 9. Jahrhundert stehen geblieben zu sein". Mir erschien das ungerecht. Ich mühte mich in der Uni jeden Tag mit Texten aus genau dieser Zeit ab; wahrscheinlich fühlte ich mich den Azhar-Studenten schon deshalb näher als dem ZEIT-Reporter. Vor allem aber fanden wir bei unserer Lektüre regelmäßig Belege dafür, dass auch alte Texte progressiv und offen sein können, nicht nur rückwärtsgewandt oder radikal.

Als die ZEIT meinen Brief abdruckte, war ich stolz. Dass ich auch heute manchmal an ihn denken muss, hat aber einen anderen Grund. Denn mittlerweile, also fünfzehn Jahre später, schreibe ich selbst für die ZEIT über die Themen Islam, Islamismus, Dschihadismus.

Und bei jedem Manuskript frage ich mich beim letzten Korrekturlesen unwillkürlich: Würde ich mir wegen dieser Formulierung oder jener Vereinfachung oder der vertuschten Gedankenfaulheit da unten im achten Absatz heute womöglich selbst einen Brief schreiben? Ja? Das ist nicht gut! Natürlich geht die Rechnung nicht immer auf und schützt nicht vor jedem Fehler. Aber es gibt ja weiterhin Leserinnen und Leser, die sich prompt zu Wort melden. Das ist gut so.

Mit dem Kollegen, der damals den Text aus Kairo verfasst hat, arbeite ich seither für die ZEIT zusammen. Und seinen Azhar-Artikel von damals habe ich erst heute noch einmal in Ruhe gelesen.

Was soll ich sagen? Mein Leserbrief war schon okay. Aber seine Reportage, ehrlich gesagt, auch.

Yassin Musharbash, Investigativ-Ressort. Siehe auch ZEIT Nr. 44/01