Lieber Herr Dr. Lukowski,

da stand ich also vor diesem Altbau in München-Schwabing, in dem Sie Ihre Praxis haben. Der Türsummer ließ mich ein, ich stieg die Treppe hoch. Als Journalist kennt man das: Ein kurzes Telefonat mit jemandem, dem etwas Ungewöhnliches widerfahren ist, der etwas Interessantes zu erzählen hat, und dann steht man einander gegenüber, ohne zu wissen, was einen wirklich erwartet. Es ist immer ein kleines Treffen mit dem Unbekannten.

Anders bei Ihnen. Wir waren uns nie zuvor begegnet, aber ich hatte das Gefühl, Sie gut zu kennen. Das liegt an Ihren Leserbriefen. Fast jede Woche schreiben Sie uns, und oft berichten Sie ein wenig von sich selbst. Ich wusste, dass Sie Anfang 50 und Grünen-Wähler der ersten Stunde sind (das stand in Ihrem Brief zu dem Artikel Grün und frei, geht das?, ZEITNr. 39/14). Dass Sie als Sohn einer alleinerziehenden Mutter aufwuchsen (Brief zu dem Artikel Er hatte recht, ZEIT Nr. 46/15). Dass Sie Katholik, aber kein Papstfan sind (Wie Donnerhall, ZEIT Nr. 1/14). Dass Sie ungern ins Theater gehen, seit sich die Regisseure kaum noch an die Originaltexte halten (Sie sprechen nicht zu uns, ZEIT Nr. 37/15). Und natürlich, dass Sie Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sind (diesen Zusatz setzen Sie gelegentlich ans Ende Ihrer Briefe, die ja eigentlich E-Mails sind).

Ihre erste Mail erreichte uns am 3. November 2011. Damals kommentierten Sie die Griechenlandkrise. Als ich nun auf dem Sofa saß, auf dem sonst Ihre Patienten sitzen, erzählten Sie, Sie seien kurz vor diesem ersten Leserbrief mit Ihrer Freundin und dem kleinen Sohn an den Ammersee gezogen. Zuvor hatten Sie die ZEIT jahrelang in Schwabinger Cafés gelesen, in denen sie kostenlos ausliegt. Die Cafés konnten Sie nicht mitnehmen, aber die ZEIT wollten Sie weiterhin lesen. Also ein Abo.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

In Ihrem Haus am See ist es von der Zeitung nicht weit zum Laptop, weshalb Sie anfingen, uns zu schreiben. 128 Leserbriefe, bis heute. Manchmal schicken Sie gleich mehrere zu einer Ausgabe, manchmal sogar zwei oder drei innerhalb weniger Minuten. Im Sommer, wenn es früh hell wird, haben Sie mir erzählt, komme es vor, dass Sie um sechs Uhr aufstehen und den Tag mit einem Leserbrief beginnen.

Sie äußern sich zur Gesundheitspolitik, zur Flüchtlingskrise, zum Burkaverbot, eigentlich zu fast allem. Manchmal verschicken Sie ein schnelles Lob ("Bravo, Herr Spiewak" oder "Meine Lieblingszeitung"), manchmal einen kurzen Tadel ("Ihre Überlegungen basieren leider auf einem fatalen Denkfehler"), und manchmal schreiben Sie ein wenig mehr und erläutern zum Beispiel ausführlich, warum Sie die Behauptung, in Deutschland seien die Bildungschancen so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Land, für Unsinn halten.

Kaum einer schreibt uns so oft wie Sie. Davon könnte man ableiten, dass Sie anders sind als andere Leser, vielleicht sogar ein Wichtigtuer. Darüber dachte ich nach, als ich im Zug von München zurück nach Hamburg fuhr. Dann beschloss ich, Ihnen diesen Brief zu schreiben.

Ein Leserbrief ist ein Brief, in dem ein Leser einem Schreiber die Meinung sagt. Dies hier ist also ein Schreiberbrief. Und meine Meinung über Sie lautet: Sie sind mein Lieblingsleser.

Jede Ausgabe der ZEIT wird von mehr als zwei Millionen Menschen gelesen. Fast jeder Leser liest für sich allein, auf einer Parkbank, in der Küche, im Zug, wo auch immer. Wenn ich einen Artikel schreibe, ist das also ein wenig so, als würde ich mit meinem Leser zusammensitzen, auf der Parkbank, in der Küche, im Zug, und ihm eine Geschichte erzählen. Doch was geschieht, wenn die Geschichte zu Ende ist? Dann steht mein Leser wortlos auf und geht davon. Er legt mich weg, ohne mir zu sagen, wie ihm die Geschichte gefallen hat.

Ja, wir schreiben Artikel, und die allermeisten Leser sagen uns nicht, was sie davon halten. Sie, lieber Herr Lukowski, sind kein Wichtigtuer, Sie verhalten sich so, als säßen wir tatsächlich gemeinsam auf der Parkbank, das ist alles. Sie hören sich meine Geschichte an, und dann sagen Sie, was Ihnen dazu einfällt.

In all Ihren Briefen hat mir übrigens dieser Satz am besten gefallen: "Freiheit bedeutet nach Kant nicht mehr und nicht weniger als die Einsicht in die Notwendigkeit." Sie ahnen, warum ich diesen Satz mag, Sie haben mir selbst von dem kleinen Fehler erzählt: Der Gedanke mit der Freiheit ist gar nicht von Kant, er ist von Hegel. Das hat Ihnen meine Kollegin aus der Leserbriefredaktion gesagt, die Ihren Brief abdrucken wollte und die Fakten überprüfte.

Mir gefällt der Satz, weil er so gut zur ZEIT passt. Auch wir tun gern so, als sei Kant ein guter Freund von uns gewesen. Selbst dann, wenn es in Wahrheit Hegel war. Sie als Fachmann drücken es so aus: Die ZEIT sei "eine multiple Persönlichkeit im besten Sinne des Wortes". Wahrscheinlich stimmt das auch.

Ich will Ihnen zum 70. Geburtstag unserer Zeitung einen Vorschlag machen: Wir schreiben weiter – und Sie auch! Abgemacht?

Herzliche Grüße

Ihr Wolfgang Uchatius