Gesäße zucken, wenn Menschen marschieren; das hatte ich nicht gewusst. Erst zieht der eine Muskel sich zusammen, dann, beim nächsten Schritt, der andere. Das hat in all seiner Unschuld etwas Obszönes, es erinnert an kauende Backen.

Solche Einblicke erlangt man nur, wenn man für eine Weile hinter nackten Leuten herläuft. Mir wurde diese Chance vor zehn Jahren zuteil. Juli 2006. Im Blatt: Sommerloch. Im Büro: keine Klimaanlage. Da kam diese Neuerscheinung gerade recht: ein Nacktwanderbuch, üppig bebildert, samt Kontakten für gemeinsame Touren. "Was es nicht alles gibt", dachte ich mir, "da schicken wir einen Autor mit." Nackt, versteht sich; sonst findet man ja keinen Draht. Zu meiner Überraschung wollte keiner der Kollegen. Der mutigste bat sich immerhin zwei Tage Bedenkzeit aus. Die nutzte er, um sich von seiner Frau daheim nackt filmen zu lassen. Nach gemeinsamer Betrachtung des Videos sagte er ab. Also machte ich mich selber auf den Weg. Nach so viel "Stellt euch nicht so an!" kann man schlecht kneifen.

Es war dann auch gar nicht so schlimm. Mit zwanzig Leuten durch die Eifel zu spazieren ist etwas anderes, als allein durch ein Fußballstadion zu flitzen. Vor allem, wenn es brave Leute sind, wie man sie ebenso gut bei der Bachblütentherapie oder dem Veganerstammtisch treffen könnte. Das Aufregendste am Nacktwandern ist, was man über die Angezogenen lernt. Es heißt ja allenthalben, uns Menschen des 21. Jahrhunderts könne in dieser Hinsicht nichts mehr erschüttern; die entblößten Hintern und Brüste auf jeder Litfaßsäule hätten uns abgestumpft.

Pustekuchen! Keiner meiner Artikel – nicht einmal eine dreiste Vegetarierbeschimpfung – bekam je so viel Aufmerksamkeit. Kriegserprobte Reporter klopften mir auf die Schulter. Gestandene Männer fragten unter Kichersalven, ob ich denn wirklich ... also selber ... ganz nackicht ... und ob da "was gelaufen" sei. Pikiertes Schweigen gab es auch, häufiger von Damen. Eine Kollegin meinte, sie habe schon geahnt, dass etwas mit mir nicht stimme. Zwei Journalistenpreise hat das Stück nur knapp verfehlt. Ich rede mir ein, die hatten bloß Angst, mich auf eine Bühne zu stellen.

Es schien mir ratsam, diesen Karriereweg nicht weiterzuverfolgen. Themenfelder wie Nacktyoga, Nacktrodeln oder Flashing liegen seitdem in dieser Zeitung brach. Was bleibt: bei mir mehr Herz für Sonderlinge. Und für all die Leute, von denen es heißt, für ein wenig Aufmerksamkeit täten sie wohl alles. Wer einmal die Hosen herunterlässt, kriegt sie nie wieder ganz hoch.

Michael Allmaier, Ressort Z – Zeit zum Entdecken. Siehe auch ZEIT Nr. 33/06

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